Schneidig

Männer lieben es gerne scharf, was sie hassen, sind stumpfe Messer. Jedes Mal, wenn ich in Ferienwohnungen in bester Urlaubslaune die Küchenschubladen herausziehe, deprimieren mich Teile, die den ehrenwerten Titel „Messer“ verhöhnen. Ferienwohnungen sind beliebte Entsorgungsplätze für die ausgedienten Haushaltsgeräte aus den privaten Wohnungen ihrer Besitzer. Meine Ausstattung an Messern schärfe ich persönlich mit einem handelsüblichen Wetzstahl, der in jedem traditionellen Messerklotz zu finden ist. Echte Männer wenden sich bei dieser profanen Technik mit Grausen ab. Messerschärfen ist für sie eine Wissenschaft, die höchste Zuwendung und filigrane Handhabung verlangt. Dafür benötigt man einen leicht gewässerten Schleifstein aus speziellem Fels, einen exakten Anlagewinkel der Klinge von 14,5 Grad und eine feine Technik, in der man mit einem konstanten Drehmoment von 0,001 Newtonmetern in weichen, kreisenden Bewegungen – eine Klingenseite gegen den Uhrzeigersinn, die andere mit – der Schnittkante geduldig den gewünschten Schliff verleiht. Ganz perfektionistische Männer murmeln währenddessen noch Beschwörungsformeln der Samurais und richten sich dabei zum Sternzeichen des Krebses aus. Zerteilt die Klinge anschließend ein schlaff hängendes Blatt Papier wie ein Laserstrahl in zwei Teile, ist das Ergebnis wunschgemäß. Möglicherweise ist dieser männliche Ritus des Schleifens von Stahl ein Relikt aus den Zeiten der Schwerter und Degen, als von deren Schärfe noch Leben und Tod abhingen. Oder einfach nur eine Macke.

Vitale Zeiten

Man mag über Corona noch so schlecht reden oder denken wie man will, aber Clara hat sich in der Zeit in eine Katze verliebt, Lukas seine Freude am Kochen entdeckt, Katharina malt abstrakte Acrylbilder, Felix ist jetzt ein begeisterter Schachspieler, Martin hat seine alte Märklin-Eisenbahn wieder aufgebaut, Thomas backt Torten, Jens und Pia haben sich einen Schrebergarten gemietet und Ina und Jonas ihre Sexualität wiederbelebt. Für alle unfassbar, dass Kevin plötzlich mit dem Stricken anfing und Tina und Bastian endlich ihren Dachboden entrümpelt haben. Ich für mein Teil habe meine persönlichen Unterlagen gesichtet, geordnet und übersichtlich abgeheftet. Dabei bin ich auf die Idee gekommen, meine eigene Grabrede zu schreiben. Jeder sollte am Ende nämlich selber bestimmen was am Ende über ihn gesagt wird und nicht ein abgestumpfter Prediger von goodbye.de, der dich vielleicht noch in einem üblen Shitstorm verabschiedet. Wann wäre die Stimmung dafür bestens geeignet als im Coronafieber? Zur Einstimmung hab ich intensiv Zeitungen gelesen und Nachrichten gesehen, um gebührend drauf zu sein. Mich mir tot vorzustellen, fiel mir dann doch schwerer als ich dachte. Letztlich haben mir die sinkenden Inzidenzzahlen dann meine herrlich trübe Stimmung völlig verhagelt.

Autonummer

Ein Auto, mit denen man abseits der asphaltierten Straßen fahren konnte, gab es immer schon, es hieß „Jeep“. Anfangs fuhren die Amis damit an die Front, später kurvte man damit im Urlaub über die Sonneninseln – da hieß er „Wrangler“ oder kleiner „Suzuki“. Und dann erschien er, der SUV, und stürmte weltweit die Verkaufslisten. Hoch, breit, schwer und protzig. Nun waren auch Normalbürger in der Lage, damit Berghänge zu erklimmen, unwegsame Wälder zu erkunden und Furten zu durchqueren. Macht aber keine/r, dafür bringt die junge Mutti damit ihr Kind sicher in den Kindergarten und Männer rollen zur Bierverladung an die Rampe des Getränkemarktes.

Ältere Herrschaften lieben ihn besonders, weil man so bequem einsteigen kann. Am allermeisten lieben ihn die Autohersteller, die gefühlt nur noch SUV´s bauen und damit fette Gewinne einfahren. Was der Kunde mag, baut man. Egal, ob überhaupt noch Platz ist in unseren Städten oder Parkhäusern. Nichts gegen ein Auto, außen so klein, innen so groß wie möglich, komfortabel, sicher, sparsam im Verbrauch, großzügig im Laderaum. Eins, in das man nackenfreundlich einsteigen kann und höher sitzt, um einen besseren Überblick zu haben. Eine tolle Aufgabe für geniale Konstrukteure. Aber nein, die bauen lieber einen SUV-Zombie, der wie eine Outdoor-Walze auf dem Weg zur nächsten Testosteron-Tanke daherkommt. An der Tanksäule putzt dann Oma für Opa die Scheinwerfergalerie, damit er das Großwild besser sehen kann. Da draußen tobt der Wahnsinn. Aber ein Trost: Auf der Arche herrscht SUV-Verbot.

Alb-Tram

München. Ich sitze in der Tram zum Hauptbahnhof. Gerade sind alle eingestiegen, da stürzt im letzten Moment eine Familie heran. Mutter mit Kinderkarre und einem kleinem Mädchen drin, er mit schwerem Rucksack und Tasche. Er ist schon im Wagen, sie halb. Die Tür fängt an, sich zu schließen. Kurze Aufregung, sie schreit leicht panisch „Nein!“, er stellt den Fuß in die Tür, zieht den Kinderwagen rein – sie sind alle drin. Uff! Das war knapp. Der Stress rötet ihre Gesichter. Die Tram rumpelt los, sie sucht Halt, er lässt sich schnaufend auf einen freien Platz fallen. Das kleine Mädchen ist schon ziemlich groß, lappt mit den Beinen weit raus aus der Karre, will aber offenbar noch klein sein und jetzt vor allem raus. „Du steigst jetzt definitiv nicht aus!“, warnt die Mutter. Das versteht die Kleine definitiv als Aufforderung und steigt aus.

„Komm her“, sagt der Vater und nimmt sie zu sich auf den Schoß. So fühlt sich missglückte, erzieherische Einigkeit ein. Der Vater bespaßt seine Tochter, erklärt ihre jedes vorbeiziehende Verkehrszeichen und die Häuserfronten. „Schau mal, ein Nagelstudio.“ „Was is´n ein Nagelstudio?“ „Da lässt man sich die Nägel machen.“ „Warum?“ „Weil sie dann schön aussehen.“ „Ich hab Hunger.“ „Schatz, gibst du mal bitte die Laugenbrezel raus?“ „Ich hab Durst.“ „Schatz, und die Saftflasche, bitte.“ Sie steht indessen instabil zwischen Tür und Sitzen. Mit einer Hand hält sie sich, mit der anderen die Karre fest. Bei jeder Bewegung der Tram wirft es sie hin und her.

Ich kann das nicht mit ansehen, neben mir, auf meiner Bank, direkt ihr gegenüber, ist doch ein Platz frei. Nun tue ich etwas Ungeheuerliches. Keine Ahnung, was mich zu dieser Handlung bewogen hat, welche verkapselten, abgrundtiefen Gelüste sich da in mir Bahn brachen, ich – ein weißhaariger, vollreifer Herr – klopfe stumm mit meiner linken Hand auf den freien Platz und lächle ihr freundlich zu. Will sagen, setzen Sie sich doch zu mir, hier ist doch ein Platz frei, brauchen Sie sich nicht so zu quälen. Ich trage auch FFP-Maske. Ich spüre an ihrem entsetzten Blick sofort, Harvey Weinstein lässt grüßen. Oh, Gott, denke ich. Was hast du getan? Das war schändlich, Junge! An der nächsten Haltestelle steht schon ein Sondereinsatzkommando und verbringt dich zur Kastration. Am nächsten Tag lauter die BILD-Schlagzeile: „Schmutziger alter Witzzeichner belästigt junge Mutter!“ Aber ich komme noch mal davon.

Am Hauptbahnhof steigen wir alle aus und sie verschwinden hektisch im Getümmel. Ich höre noch die Kleine fragen: „Mama, wer war denn der weißhaarige Mann?“ „Das war ein alter Sexist.“

Häme ist geil

Ja, was lese ich denn da? Der MediaMarkt hängt in den Seilen? Er kämpft um seine Existenzberechtigung? Die Geschäfte laufen nicht mehr und die Kunden ihnen weg? MediaMarkt, sorry – das salbt meine alten Wunden. Damals – ihr erinnert euch? – als ihr diesen perversen Werbeclaim „Geiz ist geil“ auf den Markt geworfen habt, da gingen euch die Konsequenzen für die sonstige Wirtschaft am Arsch vorbei. Der Riesenerfolg eurer menschlichen Todsünde-Erweckungs-Kampagne hat euch glückstrunken gemacht. Der Deutsche fühlte nun seine krankhafte Raffgier, seine Jagd auf Schnäppchen und die Gier nach Mehr für Weniger, öffentlich abgesegnet und gepriesen.

Wie ein Vulkan der das ganze Land erfasste, brach nun der enthemmte Geiz mit aller Pracht im Kunden durch. „Billig“, „spottbillig“ und „noch billiger“ regierten nun nicht nur den Elektrohandel, sondern die gesamte Wirtschaft gleich mit. Den grafisch schreienden, billigen „Geiz ist geil“-Anzeigen und Plakaten konnte keiner mehr entkommen. Es wurde nun um jeden Preis gefeilscht und gehandelt und selbst bei privaten Geschäften versucht, den Preis zu drücken. Zum besseren Verständnis: es ist nicht geiler, mehr zu bezahlen als man sollte, aber asozial, einen Anbieter auszupressen, bis für den fast nix mehr drin ist und die Wertzunahme allein für sich einzusacken. Die in Stein geschlagene, ehrwürdige Kaufmannsregel lautet: Ein gutes Geschäft ist immer für beide gut.

Eine Oma aus meinem Dorf kam damals zu mir ins Haus, um ein Buch von mir zu kaufen. „Setz dich“ sagte ich, „und schaue dir erst mal an, ob es dir gefällt.“ Sie setzte sich, blätterte zehn Minuten in meinem Buch, bekam von mir sogar einen Kaffee und fragte dann: „Was soll es denn kosten?“ Ich antwortete: „Im Handel kostet es 9,- Euro, du bekommst es von mir für 6,- Euro.“ Sie schaute mich einen Moment an, überlegte und sagte dann: „5.- Euro!“ Ich hab sie rausgeschmissen. Tut mir leid“, sagte sie reuig, “aber man kann es doch wenigstens versuchen.“

Auch sie hatte die nackte Gier befallen. Und so rollte nun der gallige Geiz durchs Land und hat mir u.a. mit meinen Kalenderumsätzen bis heute einen unveränderbaren Einkommensverlust von 60% verursacht. Auch die Buchverlage merkten es bitterlich. Eigentlich jeder, der etwas zu verkaufen hatte. Und der MediaMarkt hat sich damals einen gefeixt, Containerschiffe mit Waschmaschinen und Fernseher verscherbelt und seine Hamburger Werbeagentur für diese geile Kampagne garantiert fürstlich bezahlt. Diese Agentur steht gewiss nicht auf billig.

Ich bin letzte Woche zu meinem Einzelhändler für Elektronik in den Nachbarort gefahren und habe mir einen neuen Fernseher gekauft. Wir haben eine Stunde Fernsehprogramme begutachtet, dabei Kaffee getrunken und geplauscht. Am nächsten Tag kam er mit dem Gerät, installierte und erklärte mir geduldig alles und ließ seine Telefonnummer da. „Sie können mich jederzeit anrufen, wenn Sie Fragen haben.“ Das hatte ich gleich am nächsten Tag. Ein kurzes, freundliches Gespräch, eine Erklärung, eine Lösung, danach: „Immer sehr gerne.“ Rabatt bekam ich übrigens auch. Einzelhandel ist geil!

Platz da!

Sie kommen! Von Kopf bis Fuß durchgestylte Menschen auf teuren E-Mountain-Bikes-Boliden, die SUV´s der Fahrräder. Schon aus der Ferne hörst du den Grip ihrer fetten Reifen dröhnen und ihre Akkus surren. Sollte man dann noch nicht zur Seite gesprungen sein, klingeln sie dich weg und stampfen, den Kopf unter Star-Wars-Helmen, den Batman-Blick hinter verspiegelten Sonnenbrillen verborgen, demonstrativ hautnah an dir vorbei. Auf ihrem Cockpit auf der Lenkradmitte leuchtet der Bordcomputer, in der Spezialhaltung ruht das Handy mit den Streckeninformationen und aus den Kopfhörern hämmert ihnen Rammstein in die Ohren. Sie hacken verbissen einem Ziel entgegen, getrieben vom Ehrgeiz, so schnell und kalorienverbrauchend wie möglich zu fahren. Oft kommen sie wie in einer wilden Herde daher und zwingen dich angsterfüllt auf den Wegesrand. Zurück bleiben aufgescheuchte Kleintiere und hochgewirbelte Blätter. Du schaust ihnen verstört hinterher und fragst dich, mein Gott, was ist nur aus dem betulich, fröhlichen „Jaaa, wird sind mi´m Radel da…“ geworden? Ein Theater der Angeber, so wie auf den Straßen.

Schöne Bescherung

Um den Tannenbaum lag dieses Jahr weniger als sonst. Ist doch klar, es fehlten ja drei Haushalte und der Weihnachtsmann durfte als Mitglied einer Risikogruppe auch leider nicht dabei sein. Die Nordmanntanne war mit Coronakugeln und kleinen, maskierten Engelchen geschmückt und schimmerte festlich. Um 18:47 Uhr brachte ein Kurierfahrer noch die letzten drei Amazon-Pakete, dann endlich konnte die Bescherung losgehen. Eingeleitet wurde sie von der kleine Coco mit dem Quarantäne-Gedicht „Markt und Straßen steh´n verlassen, alles sieht so ängstlich aus. Ach, was für eine Freude. Harald bekam die gesamte Staffel von „Der Herr der Viren“ mit Christian Drosten und Tante Katja einen neuen Aluhut. Über den prächtigen Bildband „Die großen Pandemien“ und die Büste von Jens Spahn freute sich Mutti riesig und Onkel Karl war begeistert als wir ihm den Fotokalender „Karl Lauterbach in Talkshows“ überreichten.

Große Freude herrschte bei Rolf und Ida über die Palette Klopapier und der brandneuen CD „Sweet Home“ von den Lockdown-Singers. Julia bekam ihr gewünschtes 5000er-Puzzle „Markus Söder“ und die Kinder spielten gleich mit ihren neuen Viren-Warn-Apps und den Teststäbchen. Auch die geliebten Nachbarn schauten öfters von draußen ins Fenster, um unsere Einhaltung der Corona-Regelungen zu kontrollieren und Oma und Opa wedelten aus ihrer Isolierkammer glücklich mit ihren Gutscheinen für zwei Corona-Impfungen. Ansonsten war es ein ganz normales Weihnachtsfest.

Wonderwoman

Gut, die Männer haben jetzt fast 300.000 Jahre Zeit gehabt zu zeigen, was sie drauf haben – aber sie haben keine Gelegenheit versäumt sich zu prügeln, zu saufen, zu brüllen und sich dazwischen die Eier zu kneten. Nebenbei haben sie sich alle Machtpositionen gesichert und die weibliche Konkurrenz unter religiösen Vorwänden und selbstgestrickter Gesetze unterworfen, ihr allerdings großmütig einen warmen Platz am Herd und Wickeltisch zugewiesen. Die erste Frau die ohne Erlaubnis ihres Mannes den Führerschein machte, wurde noch Ende der fünfziger Jahre auf den Schafott geschleift, die zweite gesteinigt, weil sie nicht seine Partei gewählt hatte.

Starke Alibi-Frauen findet man in der Menschheitsgeschichte durchaus, allerdings verteilen sie sich dort wie Seepferdchen in einem Schwarm Barracudas. Kleopatra, Hildegard von Bingen, Mutter Theresa, ja, es gab sie, allerdings eher in Bereichen wie Naturkosmetik, Naturheilkunde oder Sozialarbeit, worauf die Männer sowieso keinen Bock hatten. In jüngeren Zeiten gönnten sie den Frauen großmütig die Ministerposten für Familie, Gesundheit und Digitalisierung, erst eine kampfgestählte Aktivistin aus der DDR schaffte es zum ersten Mal in der Geschichte der BRD, die Platzhirsche wegzubeißen und Kanzler*in zu werden. Gestern bekomme ich den neuesten STERN in die Hand, der sich zur EMMA des Gruner + Jahr Verlages entwickelt hat.

Der Chefredakteur bildet noch einmal 16 Titelblattsünden des STERN von 1969 – 2018 ab, allesamt mit schändlich entblößten weiblichen Körpern, und schreibt: „Kommt nicht mehr vor, versprochen!“ Reuig reihe ich mich ein: Nie wieder würde ich noch mal auf der Kunstschule unter dem scheinheiligen Etikett „Aktzeichnen“ nackte Frauen angaffen und zeichnen. Versprochen! Aber nur weil ein paar männliche Primaten ihre Triebe nicht im Griff haben, müssen wir uns nun zukünftig nur noch Titelblätter mit Delphinen, Hochbeeten und Burka-Moden, womöglich noch Robert Habeck oder Jens Spahn anschauen und wieder die Freibad-Spanner vor den Umkleidekabinen der Mädchen verscheuchen? Ich verbitte mir dann aber auch auf Facebook die Belästigung von blutjungen Frauen mit gewaltigen Oberweiten und aufgespritzten Mündern, die alle um meine Freundschaft buhlen. Aber seitdem ich im STERN las, dass Verona Pooth schon als Feldbusch schwer unter ihrer Figur und ihrem Aussehen gelitten hat und sich nur als getarntes Dummchen gegen männliche Begierden und Bohlen wehren konnte, habe ich ihr eine Freundschaftsanfrage gestellt. Ihrem wohlgefälligen Bescheid meines Antrages fiebere ich entgegen. Sperrt bitte einen geläuterten, weißen Mann nicht aus der neuen Zeit aus.

Die Tasche

Warum mache ich das? Warum packe ich mir, kaum dass ich mal ein paar Tage unterwegs bin, sämtliche Aufgaben ein, die ich ewig schon erledigen wollte? Mein Testament, mein Fahrtenbuch, mein Brief an Andy Scheuer, mein Antrag auf Steuerbefreiung, meine Konzepte für neue Projekte, meine Botschaft an die Welt, von meiner Autobiografie und dem Entwurf für einen Jahrhundertroman mal ganz abgesehen. Alle diese Vorhaben schleppe ich also fluchend in einer bedeutungsschweren, schwarzen Tasche – mein tragbares, schlechtes Gewissen – auf Reisen von Ort zu Ort mit mir herum. All meine Freunde und Bekannten kennen sie und ein Besuch von mir ohne dieses Gepäckstück würde sie garantiert verstören. Am Ende meiner Reisen kehrte dieses Teil genau so wieder nach Hause zurück, wie es abgereist war, allein meine Armmuskulatur hatte sich verändert, sonst war der Inhalt völlig unberührt.

Vor Jahren hatte ich die Tasche mal versehentlich bei einem bayerischen Freund stehen lassen. Er schickte sie mir umgehend nach und legte mir als kleines Geschenk eine frische Laugenbrezel hinein, weil er wusste, dass die mir nur in Bayern schmeckt, die hiesigen Bäcker bei mir im Norden kriegen so einen Teig einfach nicht hin. Monate später habe ich die versteinerte Backware gefunden. Sie hängt nun als Zierde bei mir an der Eingangstür.

Bla-bla

Der Brandenburger kommt mit drei Sätzen durchs Leben, sagt Florian.
Der erste lautet: „Du sagst es.“ Der zweite: „Da ist was los.“ Der dritte: „Da kann man nix machen.“ Wunderbar.

Das erinnert mich an den von mir einst verehrten Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch, der mal gesagt hatte: „Der Niederrheiner weiß nix, kann aber überall mitreden.“ Eine Grundausstattung an Plattitüden erschien mir im Leben immer wichtig, um in den Niederungen des alltäglichen Gequatsches einen Eindruck von höflichem Interesse zu bewirken. Aufmerksame Beobachter würden schon an meinem leicht glasigen Blick, und wie ich mich am Kinn kratze, bemerken, dass ihre Worte meine Ohrengänge nur belüften, aber nicht den geringsten Kontakt zu meinem Hirn bekommen. Bestimmte Inhalte müssen nämlich bei mir eine Kontrollstelle passieren, in der entschieden wird, ob sie für mich interessant oder unwichtig sind. Dieser Punkt liegt bei mir im Innenohr, genau an der Abzweigung, wo das Schild mit den beiden Richtungspfeilen „Zum Hirn“ und „Ausgang“ drauf steht. Letztere werden quasi einfach nur durchgewunken.

Typische Ausgangsthemen sind für mich Krankheit und Gebrechen, Kirche, Pferde, Hefekulturen, Karl Lauterbach, Verwandtschaft, Rechte, Baumärkte, Stricknadeln, Aktienkurse, Rasenmäher, Hochbeete und Humor in Buchhandlungen. „Zum Hirn“ lasse ich hingegen freudig Anya Taylor-Joy, Katzen, Hunde, meine Söhne, Bierbraukunst, Topfkratzer, Zeichenkunst, Buntspechte, Kosmos, Geschichte, Musik, karierte Hemden, Frieden, Bäume, Freunde und Kartoffelsuppe mit Würstchen. Da kann man nix machen.