Blog Klassiker: Avalen?

Als Freiberufler werde ich regelmäßig mit Formularen gequält, in denen ich Fragen zu meinem Berufsleben beantworten soll. Meistens in Form von vorgedruckten Fragebögen. Diesmal mit einem Papier, auf dem mich meine Bank zum Thema „Umsatzsteuer bei Geschäftsgirokonten, Darlehen und Avalen“ um Auskunft bittet. Ich bin irritiert.

Ich rufe bei meinem Hausarzt an und frage ihn, ob er mir sagen kann, ob ich mal Avalen hatte? Es dauert einen Moment, bis er meine bisherigen Befunde in seinem Computer gesichtet hat. „Nein, Avalen hatten Sie nach meinen Unterlagen nicht“, sagt er, „außer, Sie waren vielleicht mal bei einem Spezialisten.“

Ich frage ihn noch diskret, was denn „Avalen“ eigentlich seien? Er sei kein Facharzt, sagt er, er vermute dahinter aber eine Hautkrankheit. Dass man dafür Umsatzsteuer zahlen müsse, höre er aber auch zum ersten Mal. Typisch Ärzte, denke ich, keine Ahnung.

Schmeckt´s denn?

Theorie ist der Träumer, die Praxis die Realität. Sie offenbart gnadenlos alle Irrtümer und Selbstüberschätzungen und bringt Illusion und Wahrheit oft schmerzhaft ins Gleichgewicht. Will sagen, so lange man etwas nicht selber erfahren oder getan hat, kann man es viel weniger beurteilen.

Zum Beispiel die Sache mit dem Kochen. Aufgewachsen bin ich mit einer Mutter, die Haushalt und Kinder klaglos gemanagt hat und ihre Familie täglich selbstverständlich frisch bekochte. Ihre leckeren Mahlzeiten schmecke ich noch heute. Leider hat sie viele ihrer Rezepte mit ins Grab genommen, weil ich in jungen Jahren an völlig anderen Sachen interessiert war, als an handgeschriebenen Zutaten mit Zubereitungsvorgaben. Als hungriger Konsument erhielt ich jeden Mittag von „Mutti“ einen dampfenden, randvollen Teller vorgesetzt und aß mich lustvoll schmatzend satt, bis kein Happen mehr in mich reinging. Wie und wann und mit welcher Liebe sich meine Mutter ihren vielseitigen Speiseplan ausgedacht, was sie ständig alles an Zutaten die drei Stockwerke hochgeschleppt hatte, wie viel Arbeit ihre köstlichen Gericht brauchten, was sie danach alles abwaschen und wieder in die Schränke zurückstellen musste, darüber habe ich nie nachgedacht.

Mein Mund war schließlich zum Essen da und nicht um Fragen zu stellen oder mich zu bedanken. Dieser tägliche Service war für mich Naturgesetz und ihre obligatorische Frage „Schmeckts denn?“ habe ich eher als nervig empfunden, immerhin anstandshalber aber mit „Ja-ha“ beantwortet. Damit gab sie sich zufrieden, ich sah es an ihren geröteten Wangen. Nur einmal hatte ich ihr mit „Die Kartoffeln waren ein klein wenig zu salzig“ geantwortet. Daraufhin war sie den Tränen nah, riss sich die Schürze runter und schrie: „Dann sucht euch doch eine andere!“ Ich konnte sie nur mit Mühe davon abhalten, vom Balkon zu springen. Müßig zu erwähnen, dass ich sie fortan nie wieder kritisiert habe. Gab allerdings auch nie wieder einen Grund.

Und heute nun koche ich selber. Gerne sogar. Schnüffle nach neuen Rezepten, besorge die Zutaten, schnipple, schäle, schneide, hacke, würfle, siebe, rühre, quirle, überwache meine brodelnden Kochtöpfe und Pfannen bis zum endgültigen Finale – und tische meiner Familie oder meinen Freunden geschwitzt aber glücklich auf. Irgendwann zwischen dem Klappern von Messern, Gabeln, Porzellan und Kauknochen kann ich mich nicht mehr beherrschen, bricht die Sehnsucht nach einer bescheidenen Geste der Dankbarkeit für meine hingebungsvollen Kochkünste und körperlichen Aufwendungen – von den Investitionen mal ganz abgesehen – haltlos aus mir heraus: „Schmeckt´s denn?“ In der Regel erhalte ich auf diese offensive Nachfrage ein höfliches, leicht pikiertes „Ja-ha“. Letztens aber meinte mein Ältester „Die Nudeln hätten etwas mehr Biss haben können.“ Ich hab mir sofort die Schürze vom Leib gerissen und gebrüllt: „Dann sucht euch doch einen anderen!“ Am Brückengeländer hat man mich dann wieder eingefangen.

Aus und vorbei

Leicht haben die Anwesenden es sich nicht gemacht, aber letztendlich fiel die Entscheidung einstimmig. Er passt einfach nicht mehr in die Zeit, da war man sich einig, außerdem muss dringend gespart werden. Die hohen Reisekosten, der Energieverbrauch, die Umweltbelastung, kurzum: der Weihnachtsmann muss weg!

Es sei nun wahrlich an der Zeit für einen älteren Herren von über 1.600 Jahren, in den wohlverdienten Ruhestand zu gehen. Den Grünen war dieser alte, weiße Mann schon lange ein Dorn im Auge, längst gehörte an diesen Platz ihrer Ansicht nach eine Frau oder eine queere Person, zumindest auch mal ein Vertreter der muslimischen Minderheit hin, einfach um die Diversität zu fördern und Weihnachten bunter zu machen. Der Vertreter der Tierschutzorganisation PETA sprach sich vehement dafür aus, die armen Rentiere endlich auf den Gnadenhof zu schicken. Schließlich würden die Menschen sich immer größer und schwerer beschenken und man weiß doch, warum der Weihnachtsmann sich weigerte, mal auf die Waage zu treten. Die Gewerkschaft TRANSPORT & SCHLITTEN hatte für dieses Jahr sowieso einen Streik geplant, sagte ihr Geschäftsführer, worauf der Verkehrsminister souverän bemerkte, da würde die Bahn locker einspringen.

Nachdem das tosende Gelächter sich einigermaßen beruhigt hatte, drohte Frau Strack-Zimmermann von der FDP barsch mit dem Einsatz eines Leopard 2, um die Kündigung des Weihnachtsmannes zu verhindern, wurde aber mit einem Gutschein für eine Großpackung des Haarfärbemittels Alpecin-Power-White bestochen. Die AfD sah natürlich in dem Ganzen die systematische Aushöhlung traditioneller, deutscher Werte und will mit dem Fall nach Karlsruhe. Söder kündigte sofort an, dass Bayern den Weihnachtsmann übernimmt, ihn aber in eine blauweiße Tracht stecken wird. Die Familienministerin gab die Folgen für die Kinder zu bedenken, die ja nun am Heiligen Abend keinen Weihnachtsmann mehr hätten, worauf aus der Runde jemand „Schon mal was von Roboter gehört?“ rief. Die Kirchenvertreter erklärten, sie würden unverzüglich Gott davon in Kenntnis setzen, dass seine Engel nun ihren liebsten Job verloren hätten. Der Justizminister sah dem gelassen entgegen.
Na, frohe Weihnacht!

Wo ist Roy?

Wo ist Roy?“, brüllt einer. Woher soll ich wissen wo Roy ist? Ich habe nicht die geringste Ahnung und warum brüllt er so, es ist doch schon alles viel zu laut. Schon wieder: „Wo verdammt, ist Roy?“ Ein Höllenlärm. Geht das nicht wirklich ein bisschen leiser, das will ich gerade fragen, da höre ich eine sich überschlagende Stimme: „Fuck, das war nicht alles, die kommen wieder! Die kommen wieder! Das war nicht alles! Sicher du die rechte Flanke!“ Was soll ich flanken? Was soll ich sichern? Warum ich? „Verdammt, wann kommen die F16? Wenn man die Jungs mal braucht, liegen sie bei Mutti!“ „Wo ist Roy?“ „Siehst du den Schatten auf 43 Grad?“ „Ich sehe dich, Bastard, komm nur, komm.“

Hört mal Leute, immer einer nach dem anderen, was ist das überhaupt für ein aufgeregtes Durcheinander, geht das nicht echt ein bisschen leiser, mein Kopf dröhnt schon. „Auf neun Uhr nähert sich ein Pick-Up! Seht ihr den?“ Ich sehe nix, bin völlig überfordert, das ganze Gebrüll strengt mich wahnsinnig an. Wie bin ich da überhaupt reingekommen? „Hast noch´n Magazin für mich?“ Was willst du? Ich hab jetzt keine Lust, um diese Zeit nach einem Magazin zu suchen, wenn du lesen willst, dann kauf dir eins. Mir ist das alles jetzt zu viel, viel zu viel. „Roy hat´s erwischt! Fuck, Roy hat´s erwischt!“, schreit einer. „Bringt ihn runter, bringt ihn runter!!“, schreit ein anderer. „Was machen wir in diesem verfickten Libanon?“, brüllt jemand.

Mein Kopf hämmert langsam unerträglich. Libanon? Was weiß ich denn? Warum seid ihr nicht nach Mallorca? Diese Hektik, dieses ständige Gebrülle und Gequatsche, das Geratter von irgendwelchen Maschinenpistolen. Ja, bin ich denn auf einem Schießstand? „Scheiße, die zweite Welle, Sie kommen!“ „Herzlich willkommen, ihr Bastarde!“ „Komm ins Bett!“ Hä? Wer spricht? Wohin soll ich kommen? Ins Bett? Hört sich verdammt an wie die Stimme von Stefanie. Was macht denn meine Frau hier in dem Kampfgetümmel? „Wie geht´s Roy?“ brülle ich.

„Hey, hey, sach mal…nicht so laut, ich bin doch nicht taub“, sagt Stefanie – und dann Stille, erlösende Stille. Wie hat sie das gemacht? Oh – sie hat den Fernseher ausgeschaltet? Lieber Gott, ich danke dir. „Du und deine beknackten Actionfilme, jetzt komm ins Bett“ höre ich sie fürsorglich sagen. „Verdammt, ich bin doch echt eingeschlafen“, brabbele ich verstört, kratze mir meinen dröhnenden Kopf und erhebe mich stöhnend vom Sofa. „Erzähl mir was Neues“, sagt sie und geht zurück ins Schlafzimmer. Ich folge ihr benommen. Eine diffuse Sorge um Roy begleitet mich noch bis ins Bett.

Extremsportler

Ausgangspunkt und Start des Trails war Hamburg, die gesamte Tour betrug insgesamt 850 Kilometer quer durch Deutschland, mit den unterschiedlichsten Schwierigkeitsgraden. Eine echte Herausforderung für jeden Extremsportler.

Quer durch Felder, Wälder und Höhen verlief die Strecke, gelegentlich mal durch eine menschliche Siedlung, wo man seine Versorgung aufstocken, vor allem frisches Wasser bekommen konnte, was nötig war, um seinen durch Stress und Strapaze gezeichneten Körper die zwingend notwendige Flüssigkeit zuzuführen. Wichtig war, dass man im Zeitfenster blieb und an den jeweiligen Stationen an der Strecke auf die Durchsagen achtete, die oft wegen ausländischer Teilnehmer zweisprachig und oft schwer zu verstehen waren.

Der Veranstalter hatte sich noch andere Schikanen einfallen lassen und Treppenstufen und Tunnel eingebaut, manchmal einfach die Streckenführung oder Zeiten geändert, auch Hindernisse in den Weg gelegt. Auch die Toiletten waren teilweise schikanös verschlossen. Mit seinem Gepäck stieß man echt an seine körperlichen Grenzen und musste sich oft gegen Schmerz und Müdigkeit durchbeißen.

Immer wieder traf man auf andere, erschöpfte Teilnehmer, auch viele ältere, die sich erstaunlicherweise dieser Marter ausgesetzt hatten. Alle einte der Wunsch anzukommen. Weit über meine Idealzeit erreichte ich dann im ICE der Deutschen Bahn von Hamburg nach Regensburg gegen Mitternacht meinen Zielbahnhof. Ich war echt fertig.

Stunden, Stühle, Maulwürfe

Sie hält mit dem Schnippeln der Möhre inne: „Irgendwas war doch am Wochenende?“ Er schaut sie verspannt an: „Kommt etwa jemand?“ „Nicht dass ich wüsste“, entgegnet sie. Er lockert sich. Einfach mal ein ganzes Wochenende einfach nur unrasiert und schlaff abhängen, keine Freunde, keine Verwandten, keine Nachbarn – null.

„Irgendwas war“, sie kann brutal hartnäckig sein wenn ihr was im Kopf herumgeht, ist sogar dazu fähig, ihn nachts mit „Hast du eigentlich den Typ von der Versicherung angerufen?“ zu wecken. Als Richter würde er einem Ehemann, der seine Frau gewürgt hat, mildernde Umstände zubilligen. Plötzlich schlägt sie mit der Hand auf den Küchentisch und ruft: „Ha! Ich hab´s! Am Sonntag werden die Uhren auf Winterzeit umgestellt! Ich wusste doch, dass da was war.“ „Klasse“, antwortet er.

Klack – klack – klack – sie hackt emsig die Möhren in Scheiben. Gerade will sie sich eine in den Mund stecken, da meint sie: „Also, wie war das noch mal? Eine Stunde vor oder zurück?“ Das hat sie jetzt nicht gefragt, denkt er. Wie zu erwarten, sie lässt nicht locker: „Vor oder zurück?“ „Wie lange haben wir jetzt schon diese alljährliche Zeitumstellung?“, fragt er spitz. „Du musst jetzt nicht wieder deine blöden Kommentare abgeben“, bemerkt sie gereizt, „sag mir einfach ob vor oder zurück.“ „Zurück“, antwortet er. „Na siehste, geht doch.“

Sie hebt wieder das Gemüsemesser, stoppt, fragt noch mal nach: „Bist du sicher?“ Er holt tief Luft. „Im Frühjahr werden die Uhren eine Stunde vorgestellt, im Herbst wieder zurück. Also im Frühjahr stellen sie in den Straßencafés die Stühle raus, im Herbst wieder rein, so kannst du dir das gut merken.“

„Die stellen im Frühjahr die Stühle für eine Stunde raus? Wie blöd ist das denn?“ Er atmet schwer. „Okay, dann merke dir doch einfach, im Frühjahr verlierst du eine Stunde, im Herbst findest du sie wieder. Ist doch schön. Freue dich.“ „Ich soll einen ganzen Sommer nach meiner verlorenen Stunde suchen? Das soll ein schöner Gedanke sein?“ Er fängt an sich zu kratzen. „Mensch, meinetwegen stell dir einen Maulwurf in deinem Garten vor, im Frühjahr zieht er sich ins Erdreich zurück, im Herbst kommt er wieder raus.“ „Der soll Monate lang nicht mehr an die Oberfläche kommen? Der erstickt doch.“ „Denk doch was du willst!“. Er knallt die Tür hinter sich zu. „Wenn man schon mal deine Hilfe braucht!“, schreit sie ihm hinterher.

Häme ist geil

Ja, was lese ich denn da? Der MediaMarkt hängt in den Seilen? Er kämpft um seine Existenzberechtigung? Die Geschäfte laufen nicht mehr und die Kunden ihnen weg? MediaMarkt, sorry – das salbt meine alten Wunden. Damals – ihr erinnert euch? – als ihr diesen perversen Werbeclaim „Geiz ist geil“ auf den Markt geworfen habt, da gingen euch die Konsequenzen für die sonstige Wirtschaft am Arsch vorbei. Der Riesenerfolg eurer menschlichen Todsünde-Erweckungs-Kampagne hat euch glückstrunken gemacht. Der Deutsche fühlte nun seine krankhafte Raffgier, seine Jagd auf Schnäppchen und die Gier nach Mehr für Weniger, öffentlich abgesegnet und gepriesen.

Wie ein Vulkan der das ganze Land erfasste, brach nun der enthemmte Geiz mit aller Pracht im Kunden durch. „Billig“, „spottbillig“ und „noch billiger“ regierten nun nicht nur den Elektrohandel, sondern die gesamte Wirtschaft gleich mit. Den grafisch schreienden, billigen „Geiz ist geil“-Anzeigen und Plakaten konnte keiner mehr entkommen. Es wurde nun um jeden Preis gefeilscht und gehandelt und selbst bei privaten Geschäften versucht, den Preis zu drücken. Zum besseren Verständnis: es ist nicht geiler, mehr zu bezahlen als man sollte, aber asozial, einen Anbieter auszupressen, bis für den fast nix mehr drin ist und die Wertzunahme allein für sich einzusacken. Die in Stein geschlagene, ehrwürdige Kaufmannsregel lautet: Ein gutes Geschäft ist immer für beide gut.

Eine Oma aus meinem Dorf kam damals zu mir ins Haus, um ein Buch von mir zu kaufen. „Setz dich“ sagte ich, „und schaue dir erst mal an, ob es dir gefällt.“ Sie setzte sich, blätterte zehn Minuten in meinem Buch, bekam von mir sogar einen Kaffee und fragte dann: „Was soll es denn kosten?“ Ich antwortete: „Im Handel kostet es 9,- Euro, du bekommst es von mir für 6,- Euro.“ Sie schaute mich einen Moment an, überlegte und sagte dann: „5.- Euro!“ Ich hab sie rausgeschmissen. Tut mir leid“, sagte sie reuig, “aber man kann es doch wenigstens versuchen.“

Auch sie hatte die nackte Gier befallen. Und so rollte nun der gallige Geiz durchs Land und hat mir u.a. mit meinen Kalenderumsätzen bis heute einen unveränderbaren Einkommensverlust von 60% verursacht. Auch die Buchverlage merkten es bitterlich. Eigentlich jeder, der etwas zu verkaufen hatte. Und der MediaMarkt hat sich damals einen gefeixt, Containerschiffe mit Waschmaschinen und Fernseher verscherbelt und seine Hamburger Werbeagentur für diese geile Kampagne garantiert fürstlich bezahlt. Diese Agentur steht gewiss nicht auf billig.

Ich bin letzte Woche zu meinem Einzelhändler für Elektronik in den Nachbarort gefahren und habe mir einen neuen Fernseher gekauft. Wir haben eine Stunde Fernsehprogramme begutachtet, dabei Kaffee getrunken und geplauscht. Am nächsten Tag kam er mit dem Gerät, installierte und erklärte mir geduldig alles und ließ seine Telefonnummer da. „Sie können mich jederzeit anrufen, wenn Sie Fragen haben.“ Das hatte ich gleich am nächsten Tag. Ein kurzes, freundliches Gespräch, eine Erklärung, eine Lösung, danach: „Immer sehr gerne.“ Rabatt bekam ich übrigens auch. Einzelhandel ist geil!

Kuckst du?

Der Durchbruch war zu erwarten: Die Hersteller von Sehhilfen, im Komplott mit den Optikern, haben mit einem cleveren Marketing dass Brillen-Design als stilvolles Mittel zur Verschönerung eines Gesichtes und zur Steigerung ihres Umsatzes gepusht. Während Menschen mit Sehschwäche früher lieber Kontaktlinsen trugen, da sie Brillen als Offenbarung einer körperlichen Behinderung hässlich empfanden, tragen heute manche Leute eine Brille, obwohl sie perfekt sehen können – einfach weil sie finden, dass so ein Teil im Gesicht etwas Tolles mit ihnen macht. Es macht sie interessanter, klüger, reifer, zumindest konzentrierter.

Ein alter Studienkollege von mir, später in der deutschen Musikszene eine Größe, gestand mir vor Jahren, dass seine Brille damals nur Fensterglas hatte, weil er damit einen intellektuelleren Eindruck schinden wollte. Er nannte sie scherzhaft seine „Intelligenzprothese“. In meiner Jugend waren Kumpels mit Brillen besonders beliebt, weil sie in einer Rauferei wunderbar benachteiligt waren, man riss ihnen einfach die Brille von der Nase und sie trafen dich nicht mehr.

Ich jedenfalls traf gestern im Supermarkt Lara mit einer neuen, schwarzen Brille, mit der sie aussah wie Buddy Holly. Passte irgendwie gar nicht. „Warst du bei der Anprobe eigentlich bei Bewusstsein?“, wollte ich sie fragen, entschied mich aber dagegen, nachdem ich spürte, wie stolz sie auf diesen modischen Klumpen war und wahrscheinlich beim Optiker Dutzende Brillen anprobiert und diskutiert hatte, bis ihr Typberater und alle weiteren Anwesenden endlich den erlösenden Satz gestöhnt hatten: „Boah! Diiiie steht dir aber gut!“

Während wir uns unterhielten, starrte ich also in ihre von dicken, schwarzen Kreisen umrahmten Augen und konnte mich einfach nicht konzentrieren. Aber Lara ist in guter Gesellschaft, denn seit längerem schon beobachte ich Promis oder Politiker, die mit extravaganten, teils überproportionalen Augengläsern ihrer öffentlichen Wirkung eine vitale, modische Attitüde verleihen wollen. Einige sehen damit wie Uhus, andere eher wie Horst Schlemmer, ganz wenige dadurch besser aus. Dem überwiegenden Teil, so empfinde ich immer, ist keine ehrliche Beratung zuteil geworden. Beim Abschied drehte sich Lara noch mal um und rief: „Ach, wie findest du übrigens meine neue Brille?“ „Euch auch“, antwortete ich und stieg rasch in mein Auto.

Die Geschichte des Weihnachtsmannes

Der Weihnachtsmann heißt eigentlich Matti Heikkinen und wurde in einem kleinen Dorf nahe Helsinki geboren. Sein Vater war Rentierzüchter und seine Mutter arbeitete in einer Fischfabrik als Schuppenflechterin.

Sein Talent zum weltweit berühmtesten Geschenkkurier war anfangs gar nicht zu erkennen. Der kleine Matti rodelte wie alle Kinder am liebsten mit seinem Schlitten das elterliche Dach herunter und fuhr auf den Tränenbächen seiner von ihrer Ehe frustrierten Mutter Schlittschuhe. Hin und wieder half er seinem Vater beim Kastrieren der Rentierbullen oder seiner Oma beim Einbringen der vereisten Wäsche. In der Schule störte er durch ständige Zwischenrufe, wie „Ho-ho-ho!“ oder „Wart ihr denn alle schön brav?“. Gute Pädagogen hätten da allerdings schon erkennen können, welches Talent in dem kleinen Matti schlummerte.

Der studierte also erst mal Walgesang und tourte mit der Gruppe „Fishermans Friend“ über die finnischen Dörfer bis er am Heiligen Abend 1847 bei einem Auftritt von einer indigenen Verehrerin ein in Geschenkpapier eingewickelten Brathering zugeworfen bekam. Das berührte Matti dermaßen, dass er in diesem Moment die Idee hatte, dieses Gefühl der Dankbarkeit allen Menschen zuteil werden zu lassen. Er ließ sich die Haare weiß färben, einen langen Bart wachsen und von der berühmten finnischen Mode-Ikone Supi Klamottinnen einkleiden. Die wählte ein kräftiges Rot, an Hals, Ärmeln und Mütze weiß abgesetzt, und kreierte damit dass weltweit berühmte Outfit des berühmten Geschenkkuriers.

Fortan beglückte Matti am Heiligen Abend als „Weihnachtsmann“ Erwachsene und Kinder gleichermaßen. Irgendwann investierte er in einen Schlitten und sechs zugkräftige Rentiere, anders war das auch gar nicht mehr zu schaffen. Seine Anträge auf Ruhestand werden alljährlich mit der Begründung abgelehnt, dass er eine „systemrelevante“ Persönlichkeit sei und für die Gesellschaft schlicht unverzichtbar. Ein Ende seiner erfolgreichen Karriere steht also in den Sternen. Das ist die wahre Geschichte des Weihnachtsmannes. Hätte man nicht gedacht, oder?

Gute Nacht!

Ich hab mal gelesen, wie viel Zeit seines Lebens der Mensch im Bett verbringt, Zahlen aber waren nie mein Ding, dennoch erinnere ich mich noch gut, dass ich enorm beeindruckt war, wie viele Stunden des Lebens wir verschlafen, während da draußen das Leben tobt. Das soll aber nicht mein Thema sein, mir geht es eher um das WORAUF wir schlafen, nämlich längst nicht mehr auf Erde, Baum oder Heu, sondern auf „Matratzen“, hochkultivierten Errungenschaften, die in der Werbung ständig angepriesen werden und uns zum Probeliegen laden.

Selbstverständlich habe ich das Angebot angenommen und mich nach etlichen Umzügen mit dem Wunsch nach Neueinrichtung in Möbelhäusern oder Bettenläden vor den Augen gaffender Verkäufer*innen auf den verschiedensten Matratzen gewälzt und gestreckt, um mein passendes Modell zu finden. Seltsamerweise waren das meistens die teuersten, die mit ausgeklügelten Kammersystemen und Spezialbeschichtungen, die mit dir nachts gemeinsam atmen und die Feuchtigkeit zum Teufel jagen, während du im himmlischen Schlaf liegst, der nur davon unterbrochen wird, dass deine rückensteife Gäste heimlich versuchen unter deine Decke zu schlüpfen, weil ihnen die von dir zugewiesene Luftmatratze oder das Schlafsofa zu hart sind.

Gastfreundliche Bekannte von mir beherbergen mich, wenn ich mal in ihrem Städtchen bin, mit großer Herzlichkeit in ihrem Häuschen und weisen mir aus eben dieser Zuneigung selbstlos ihr Wasserbett zu, in dem es dann die ganz Nacht blubbert, wenn ich mich mal drehe. Nicht nur diese Effekt lässt mich unruhig schlafen, nein, auch die Frage, wie zwei Menschen in diesem Geschwabbel Sex machen können?

Trotz Übermüdung und leichter Seekrankheit, nie würde ich ihre Gastlichkeit mit dem Wunsch verletzen, alternativ in einem Hotelbett zu übernachten. Augen zu und durch, das ist meine Devise. Vielleicht besuchen sie ja auch mal mich, dann kann ich mich bei ihnen mit meiner persönlichen Bettstatt revanchieren: meiner neuen Hängematte. Zwei Personen kommen sich darin zwangsläufig näher, alles weitere sehe ich mir dann später diskret auf meiner sleeping-room-cam an. Mann, bin ich gespannt.