Food-City

„Immer geradeaus, und dann den zehnten Gang, direkt am Maggi-Center links, und an der Kreuzung, beim großen Coffee-Tower, rechts. Danach den zweiten Gang, direkt am Dressing-Corner wieder links. Dann sehen Sie schon.“ Ich bedanke mich und fahre meinen Einkaufswagen in die empfohlene Richtung, biege aber einen Gang zu früh ab und lande in der Pasta-Street. Nach gefühlt Millionen Nudeln erreiche ich eine Abzweigung in Richtung Milki Way. Am Asia-Food-Circle nehme ich die zweite Ausfahrt, lande direkt im Bio-Park und verlasse ihn am Veggie-Garden. Endlich erreiche ich die Cooler-Highway mit den Hunderttausend Joghurtbechern und lege eine Mango-Papaya-Töpfchen in meinen Wagen. Wegen erhöhten Verkehrsaufkommens bei den Sonderangeboten wähle ich den Umweg über den Hot-Spot mit den scharfen Gewürzen und lande wieder bei der freundlichen Frau von vorhin. „Na? Alles gefunden?“, fragt sie. „Ja“, sage ich glücklich reiche ihr meine Come-Back-Card.

Anlage

Es ist ruhig im Supermarkt, ich schiebe meinen Einkaufswagen zur Kasse und lege die Waren auf das Laufband. Im flotten Tempo scannt die Kassiererin alles ein und sagt freundlich:„Einunddreißigvierzig.“ Ich hole meine EC-Card heraus, starre auf das Kartengerät und frage doof: „Was muss ich tun?“ Sie antwortet „Ranlegen oder reinstecken, wie Sie wollen.“ Kurze Pause, dann grinst sie und fängt an zu kichern. Die Kollegin an der Kasse gegenüber tut es auch – und ich kann nun ebenfalls nicht anders und pruste los. Bin ich gerade dass Ziel weiblichen Sexismus geworden oder einfach nur zweier phantasiebegabter, humorvoller Frauen, die rollenentspannt über die bildliche Komik des Wortes „anlegen“ lachen können? Ich jedenfalls amüsiere mich bei dieser Vorstellung noch köstlich als ich schon draußen bin. Ist ja genau mein Humor. An der Ausgangstür lese ich: „Schön, dass Sie da waren.“ Finde ich auch.

Schande Mann

Eine alte Freundin schrieb mir, ihre Ehe sei zerbrochen, ihr Mann war nicht mehr zu ertragen. Despotisch und stumpfsinnig. Ich war erschüttert. Beim Spaziergang traf ich eine Frau mit einem Hund. Kenne sie nur von unseren gelegentlichen Begegnungen und frage freundlich nach, wie es denn ihrem sympathischen Mann ginge, der sonst immer mit dabei war. Wir sind getrennt, sagt sie, genug ist genug. Er möge verrecken. Sie hätte jetzt von Männern gründlich die Schnauze voll. Ich war sprachlos. Und dann auf Facebook, Ulrike die Gute postete ein zertrampeltes Foto von ihrem Benno. „Fahr zur Hölle!“, stand drunter. Ich konnte es kaum fassen. Gestern kam Lea zu Besuch. Im Laufe des Gespräches fragte ich sie fröhlich nach Jens. „Jens?“, fauchte sie, „Toxisch, hoch toxisch“. Sie hätte sich von diesem Bastard befreit und konzentriere sich jetzt mit allen Sinnen auf ihre Weiblichkeit. Ich gehe ab morgen nur noch als Frau verkleidet auf die Straße.

Gefordert

Ich lese: „Neurologen entdecken neuerdings die Pflanzenwelt für sich.“

Wissenschaftler müssen überall ihre Nase reinstecken, nun haben sie also entdeckt, dass Pflanzen sprechen können. Neu ist das Thema nicht (mein Benjamini ist die reinste Plaudertasche), aber die Natur liegt halt halt im Trend. Überlagert wird in meinem häuslichen Alltag das tägliche Geplapper aus den Blumentöpfen und Vasen allerdings von viel dominanteren Nervensägen. Kaum bin ich morgens ins Bad geschlurft, quatscht mich die Klorolle an, dass sie nur noch drei Blätter hat und der Spiegel will, dass ich ihn putze. Bin selber noch nicht gewaschen und befriedige als Erstes die Eitelkeit eines Wandspiegels, so weit kommt´s noch. In der Küche geht das gnadenlos weiter. Das Geschirr in der Spüle plärrt, warum es noch nicht abgewaschen ist und die vier leeren Bierflaschen wollen unverzüglich in ihren Kasten zurückgebracht werden. Wo ich auch hinsehe, täglich werde ich von irgendwelchen Dingen angemacht, die irgendetwas von mir verlangen. Besonders hartnäckig ist das Bild, was seit Monaten in der Diele auf dem Boden steht. „Häng mich endlich auf!“, schreit es. Widerlich. Ich möchte einmal entspannt durch meine Wohnung gehen, nur ein einziges Mal, ohne dass mir irgendwer ein schlechtes Gewissen macht. Meine Geduld hat auch Grenzen. Vorhin zickte mich der Müll an, warum ich ihn nicht nach draußen bringe, er sei hier ja wohl nur der letzte Abfall? Also, auf die Befindlichkeit von einem Psycho habe ich ja nun überhaupt keinen Bock. „Geh doch selber!“ hab ich ihn angebrüllt. Da hat er vielleicht blöd aus ´m Eimer geglotzt.

Erkundigung

Ein Blick auf die Wetter-App macht mich froh. Endlich mal wieder Unwetter, endlich ist Sturm mit Orkanböen angesagt. Draußen dröhnt die Naturgewalt, die Böen zerren an meinem Haus und lassen die Ortgangbleche am Dach scheppern. Die Bäume biegen und schütteln sich und selbst das letzte, hartnäckige Herbstblatt muss jetzt aufgeben.

In unserer Straße entwurzelt sich eine Birke. Ich schaue sorgenvoll auf die alte Apfelbaum-Oma in meinem Vorgarten, aber die knorrige alte Dame hat schon alle Unwetter überlebt, wird wahrscheinlich auch mich überleben. Kaum ist der Sturm vorbei, erklärt sich, warum ich diese Naturgewalt so liebe: plötzlich melden sich nämlich alte, oftmals verschollen geglaubte Freunde und fragen nach Jahren einfach mal so unverbindlich nach: „Alles gut bei dir?“ Ja, sie hätten da in den Medien gelesen was da oben im Norden abgegangen ist und – Bing! – hätten sie irgendwie plötzlich an mich gedacht. Was wird wohl der Butschi machen? Mensch, ruf ihn doch mal an.

Diese sensationsgeilen Schweinebacken wollen doch nur hören, dass mir mein Dach weggeflogen ist und ich mich im Unterhemd in den Orkanböen an meine Habseligkeiten klammerte. Stoff, den man wunderbar im Freundeskreis verbreiten kann. Bei der Gelegenheit möchten sie auch gleich hören, wie es mir denn sonst so geht? Rücken? Cholesterin? Zucker? Gedächtnis? So weit alles im grünen Bereich? Ich äußere mich zufrieden und dankbar, weiß aber nicht, ob sie das zufriedenstellt, denn im Vergleich zu ihnen stehe ich offenbar noch ganz gut da. Als ich an ihrer Stimme merke, wie sie das quält, erzähle ich ihnen von meiner nachlassenden Sehkraft und partiellen Nackenverspannungen – und schon, ich spüre es, geht es ihnen etwas besser. Einem Freund aus Bayern habe ich sogar gebeichtet, dass ich nur noch fünf Mal die Woche Sex habe. „Du Armer“, meinte er dazu. Klang irgendwie nicht glaubhaft.

Gute Nacht!

Ich hab mal gelesen, wie viel Zeit seines Lebens der Mensch im Bett verbringt, Zahlen aber waren nie mein Ding, dennoch erinnere ich mich noch gut, dass ich enorm beeindruckt war, wie viele Stunden des Lebens wir verschlafen, während da draußen das Leben tobt. Das soll aber nicht mein Thema sein, mir geht es eher um das WORAUF wir schlafen, nämlich längst nicht mehr auf Erde, Baum oder Heu, sondern auf „Matratzen“, hochkultivierten Errungenschaften, die in der Werbung ständig angepriesen werden und uns zum Probeliegen laden.

Selbstverständlich habe ich das Angebot angenommen und mich nach etlichen Umzügen mit dem Wunsch nach Neueinrichtung in Möbelhäusern oder Bettenläden vor den Augen gaffender Verkäufer*innen auf den verschiedensten Matratzen gewälzt und gestreckt, um mein passendes Modell zu finden. Seltsamerweise waren das meistens die teuersten, die mit ausgeklügelten Kammersystemen und Spezialbeschichtungen, die mit dir nachts gemeinsam atmen und die Feuchtigkeit zum Teufel jagen, während du im himmlischen Schlaf liegst, der nur davon unterbrochen wird, dass deine rückensteife Gäste heimlich versuchen unter deine Decke zu schlüpfen, weil ihnen die von dir zugewiesene Luftmatratze oder das Schlafsofa zu hart sind.

Gastfreundliche Bekannte von mir beherbergen mich, wenn ich mal in ihrem Städtchen bin, mit großer Herzlichkeit in ihrem Häuschen und weisen mir aus eben dieser Zuneigung selbstlos ihr Wasserbett zu, in dem es dann die ganz Nacht blubbert, wenn ich mich mal drehe. Nicht nur diese Effekt lässt mich unruhig schlafen, nein, auch die Frage, wie zwei Menschen in diesem Geschwabbel Sex machen können?

Trotz Übermüdung und leichter Seekrankheit, nie würde ich ihre Gastlichkeit mit dem Wunsch verletzen, alternativ in einem Hotelbett zu übernachten. Augen zu und durch, das ist meine Devise. Vielleicht besuchen sie ja auch mal mich, dann kann ich mich bei ihnen mit meiner persönlichen Bettstatt revanchieren: meiner neuen Hängematte. Zwei Personen kommen sich darin zwangsläufig näher, alles weitere sehe ich mir dann später diskret auf meiner sleeping-room-cam an. Mann, bin ich gespannt.

Das Signal

Vor einiger Zeit sprach mich Frau Hansen, meine Nachbarin, an. Als ältere, allein lebende Dame und mache sie sich Sorgen, dass keiner merken würde, „wenn mit mir mal was passiert ist“. Eine Bekannte sei unlängst gestürzt und hätte zwei Tage hilflos in ihrer Wohnung gelegen, bevor sie jemand gefunden habe. „Sollten meine Vorhänge im Schlafzimmer bis 9:30 Uhr nicht aufgezogen sind, dann stimmt etwas nicht mit mir“, sagte sie zu mir. „Eine gute Idee, dann weiß ich Bescheid“, antwortete ich. Drei Monate später schaue ich an einem Samstagmittag zufällig zu ihrem Haus herüber und sehe, dass ihre Vorhänge noch zugezogen sind. Eine Viertelstunde später rücken Polizei, Feuerwehr, Notarzt, das Technische Hilfswerk, ein Minenräum-kommando und – für den Fall einer Geiselnahme – das SEK an. Die Einheit stürmt das Haus und sichert dem Bereitschaftsarzt den Zugang zur Zielperson. Sanitäter tragen die festgeschnallte, medizinisch notversorgte Frau Hansen auf der Trage zum Krankentransporter. Am späten Morgen klopft sie putzmunter an meine Tür, reicht mir einen selbstgebackenen Kuchen und bedankt sich herzlich: „Wie beruhigend, so einen aufmerksamen Nachbarn zu haben.“ Ihr sei überhaupt nichts passiert, sie wollte mich nur mal testen.

Wandel

ALDI begrüßt mich am Eingang mit: „Schön, dass du da bist.“ Der STERN textet auf der ersten Seite: „Danke, dass Sie den STERN lesen.“ Der Baumarkt schreibt: „Ohne dich geht gar nichts.“ Bitte? Was ist denn da draußen los? Von der Arroganz zur Schleimerei? Ist das die Reaktion auf die massiven Marktveränderungen und die neuen, digitalen Anbieter, die den Kunden zum Kaiser erkoren haben? Die liefern uns nämlich inzwischen die Unterwäsche direkt ins Schlafzimmer, begleiten uns per Webcam bei der Anprobe und nehmen alles, was uns nicht passt oder gefällt, anstandslos – ob neu oder gebraucht – zurück. Je nach Wunsch scannen sie unsere Figur ein und machen eine maßgenaue 3D-Animation alternativer Modelle, die exakt unserem Geschmack entsprechen. Ja, geht´s noch besser? Leute, das ist Kundenfreundlichkeit! Davon war man früher in der Dienstleistung Lichtjahre entfernt. Gestern ging ich in Regen und Dunkelheit deprimiert nach Hause, da las ich auf der Werbetafel einer Bushaltestelle die Botschaft eines Nagelstudios: „Schön, dass es dich gibt.“ Ich war danach schlagartig in besserer Stimmung. Danke, neue Zeit.

Aufgeklärt

Als ich bei der Firma anrufe und frage, wo denn mein bestellter Cowboyhut sei, erklärt mir eine freundliche Frau, der sei an mich ausgeliefert. Nach ihren Unterlagen gestern. Ich sage, bei mir sei nichts angekommen. Sie schaut noch mal nach und sagt dann: „Wurde bei ihrem Nachbarn abgegeben.“ Na, prima. Ich habe ein Dutzend Nachbarn, also bei welchem? Kann sie nicht sagen, stünde da nicht. Danke, sehr freundlich. Ich mache mich also auf die Suche nach meiner Sendung, etliche Nachbarn sind nicht da, die anderen wissen nichts von einem Paket. Ich rufe wieder bei der Firma an. Der Mann will sich noch mal kümmern. Wenig später sein Rückruf: Mein Paket sei bei einem Nachbarn abgegeben worden. Ach, wirklich? Die Antwort kommt mir bekannt vor. Heute Morgen, ich schaue zufällig aus dem Fenster, tritt der Opa aus dem dritten Stock mit einem Cowboyhut auf die Straße. Ich ruf sofort die Firma an und sage, es hätte sich erledigt.

Fahrendes Volk

Der Mensch stammt wohl eindeutig von der Schnecke ab, anders kann ich mir den neuen Hype um die Wohnmobile kaum erklären. Fast jeder kauft sich heute so ein rollendes Heim, mal als Zweiachser, wie die Rübenbergers, mal als ausgebauten VW-Bus, wie Brigitte. Auf den Autobahnen fahren sie in endlosen Schlangen von Campingplatz zu Campingplatz, nehmen millimetergenau ihren vorgebuchten Stellplatz ein, stellen ihre Stühle und Schirme raus, hocken sich zwischen die beiden Nachbarmobile und schlürfen ihren Kaffee aus Plastikbechern.

Die Männer diskutieren über Abwasserpumpen, die Frauen über pflegeleichte Teppichböden. Was ist mit den Menschen los? Sehnsucht nach Nomadenleben? Flucht vor Viren? Selbstverwirklichung? Schwarzgeld unterbringen? Verschollen geglaubte Freunde von mir riefen mich plötzlich letztens an und fragten mich, wie es mir um Himmels Willen ginge und ob ich noch in dem Haus mit dem großen Garten lebte? Sie hätten ständig an mich gedacht, sich um mich gesorgt, unendliche Sehnsucht entwickelt und wollten mich um jeden Preis wiedersehen. Gestern rollten sie mit ihrem neuen Wohnmobil um die Ecke. Erst fragten sie nach einer Steckdose, dann nach einer Fäkaltankentsorgung und danach, ob sie ein paar Tage im Garten neben dem Apfelbaum stehen könnten. „Obst kostet extra“, habe ich gesagt.