Paris?

Vor ein paar Tagen bekam ich eine Nachricht von einem lieben alten Freund aus jungen Tagen. Wir hatten früher Jahre lang zusammen Musik gemacht, in Berlin, außerhalb von Berlin, niemals aber über die Grenzen unserer Republik hinaus. Zwar hatte unserer Manager – ja, wir hatten einen umtriebigen Manager, um den uns unsere Konkurrenten in der Szene schwer beneideten – ständig versucht, mit allen Tricks in die Presse zu kommen und gelogen, das sich die Lettern bogen, u.a. von einer Anfrage des Managers der Beatles, Brian Epstein, bezüglich eines Auftritts unserer Band in London, aber es war alles Fake.

Nun also schrieb mir mein Freund: „Ich könnte mir heute nicht mehr vorstellen – wie damals, als wir in Paris waren -, noch mal auf den Eifelturm zu gehen. Komme ja nicht mal mehr drei Stockwerke hoch.“ Mir wurde ganz anders. Nicht etwa, weil ich mich selber fragte, ob ich heute noch mal auf den Eifelturm gehen könnte, sondern ganz generell: Wann waren wir mit der Band jemals in Paris? So sehr ich auch meinen Kopf anstrengte, in alten, verstaubten Zellen wühlte, ich fand keine Bilder mit der Band in Paris. Da war nichts, gar nichts. Aber alle älteren Menschen kennen das, manche sogar schon aus der Schule: man ist vergesslich. Dieser oder jener Name fällt einem nicht mehr ein, Orte, Zeiten, Musiktitel, Musiker, Schauspieler, verdammt, wie hieß der, der, mit dem, dem, der bei, bei….? Bye, bye, Erinnerung.

Nun muss nicht alles gleich ein bedrohliches Symptom sein, man hat ja voll umfänglich mit Corona wirklich genug zu tun, aber Sorgen machte ich mir schon. Warum habe ich vergessen, dass ich mal auf´m Eifelturm war? So was macht man ja auch nicht alle Tage so nebenbei. Womöglich war ich damals auch mal auf dem World Trade Center oder mit der Band zu einem Open Air Konzert auf dem Roten Platz in Moskau? Oh, Gott. Ich konsultierte einen weiteren Überlebenden aus unserer Band, der aber konnte sich, zu meiner Erleichterung nach längerem Nachdenken, auch nicht dran erinnern, dass wir mal in Paris waren. Also antwortete ich meinem Eifelturmbesteigerfreund: „Hä? Wann waren wir denn mal in Paris?“

Als Antwort erhielt ich: „Na, jetzt geht´s ja los.“ Er war in Paris uns ist zu Fuß den Eifelturm hoch und zwar mit unserem Manager. Definitiv! Zum Glück hatte ich damals in den Bandzeiten jeden Artikel eingeklebt, in dem was über die bombastischen Auftritte unserer Gruppe stand: „Teambeats bringen den Schülerball zum Kochen!“ „Teambeats rocken den Schützenhof!“ Und dann, ich traue meinen Augen nicht, finde ich einen großen Artikel mit Foto von mir vor dem Flughafen Tempelhof. Überschrift: „Peter Butschkow in Paris!“ Und los ging es mit: „Nach der Landung in Orly wurde der Bandleader der Teambeats von zwei bildhübschen Französinnen begrüßt…“ Also, ich würde mich sogar noch an eine einzige bildhübsche Französin, erinnern, meine ich. Tut mir leid, ich kannte weder, noch „hatte ich“ jemals eine Französin. (Was ich immer sehr schade fand.) Mein alter Freund kam auch nicht zur Ruhe, „Bin ich denn jetzt ganz blöd?“, lautete seine Selbstanfrage. Wir waren beide spürbar schwer verunsichert, aber umso mehr ich den Artikel las, in dem ich offenbar eine Nacht mit Johnny Hallyday gesoffen hatte und am Ende mit Brigitte Bardot im Bett landete, desto mehr erinnerte ich mich: es war alles erstunken und erlogen. Der Manager („Ist doch wurscht. Fragt kein Mensch nach. Hauptsache die Band ist in der Presse.“) wollte mit mir nach Paris, um beim ORF unsere neue Platte vorzustellen – aber ich wollte nicht. Hatte Angst vor´m Fliegen und vor der Rache meiner Freundin.

Dafür ist dann tatsächlich mein Freund und Gitarrist eingesprungen. Puh! Nun hatten wir´s. Der schrieb mir dann noch, er hätte in Paris kein Wort verstanden, wäre tatsächlich den Eifelturm hoch (garantiert nur bis zum Restaurant) und hätte sich nach einem Steak die ganze Nacht im Hotelzimmer erbrochen. Am nächsten Morgen seien sie wieder zurück nach Berlin geflogen. Jetzt konnte ich mich auch wieder dunkel daran erinnern, wie schlecht er damals nach seiner Rückkehr aussah. Er sich natürlich überhaupt nicht.

Zensur

Am 3.1.2022 traf mich zum dritten Mal die Abstrafung eines kommunikativen Internetgiganten: eine Abmahnung von Instagram, wo ich regelmäßig Cartoons von mir poste. „Du musst dort dabei sein“, riet mir einst vor zwei Jahren einer meiner Söhne, „sonst bist du weg vom Fenster.“ Wer will denn schon „weg vom Fenster“ sein? Das bedeutet doch, nichts mehr sehen von draußen, nichts mehr verstehen was läuft, ausgestoßen aus dem pulsierenden Leben, vom Zeitgeist gekappt – Endstation Friedhof. Nein, das will ich nicht. „Facebook“, meinte mein Sohn noch, „sei ja ganz nett aber längst der Tummelplatz der Alten, quasi der Gemeinschaftsraum des digitalen Altenheims.“ Bevor ich mich und meine Facebookfreunde vehement verteidigen konnte, war er rasch wieder im Netz abgetaucht.

Anlass meiner Abmahnung von Instagram („…beim nächsten Verstoß gegen unsere Richtlinien werden wir dein Konto, einschließlich deiner Beiträge und deines Archivs, möglicherweise löschen.“) war ein Cartoon von mir (siehe Anlage) in dem ich einen nackten Mann am Strand gezeichnet habe, an dessen Pimmel eine Weihnachtsbaumkugel hängt. Dies sollte eine Satire darauf sein, dass sich die Menschen real Nadeln oder Ringe durch Lippen, Münder, Zungen, Hoden, Schwanz und sogar Schamlippen bohren, kurzum piercen. Da ist eine bunte Weihnachtskugel am Glied doch eine witzige Idee, dachte ich. Hatte mich sowieso schon gewundert, dass nicht längst vor mir ein Kollege/eine Kollegin darauf gekommen war. Auf Instagram verletzte ich damit also die „…Richtlinien aus folgendem Grund: Nacktheit oder sexuelle Handlungen“. Ich habe mich sofort an den lieben Gott gewandt (www.derschöpfer.de) und ihm den Fall geschildert. Seine Antwort kam prompt:

Lieber Peter, bei der Konstruktion des Menschen in unserem himmlischen Hause wurde auf höchste Perfektion und Funktionalität geachtet. In der Grundausstattung ist unser Mensch in ganzer Schönheit bewusst nackt und funktional gehalten. Eine Unterscheidung in positive oder negative Organe entspricht in keiner Zone dieser, unserer Schöpfung unseren himmlischen Statuten von Reinheit und Wahrhaftigkeit. Jedwede ideologische oder moralische Anmaßung selbsternannter Zensoren oder Scheinheiligen, diese gottgewollte Natürlichkeit mit Scham oder Schuld zu belegen, gar zu bestrafen oder mit Buße zu belegen, verurteilen wir aufs Schärfste. P.S. Gegen die versauten Amis mit ihrer blutrünstigen, krankhaft perversen, weltweiten Porno- und Filmindustrie, läuft bei uns übrigens ein Himmelsausschlussverfahren. Mit freundlichen Grüßen, OmG

Ich hab sofort geantwortet und mich bei Gott herzlich bedankt.
Er antwortete nur: „Sehr gerne.“

 

Onkel Doktor

Du sitzt schlaff vor ihm auf dem Stuhl und er starrt aufrecht auf seinen Computer. Du bist unruhig, schwitzt, knetest dir die Finger, versuchst in seinen Augen zu lesen, was er gleich zu dir sagen wird. Ist es erlösend oder bedrohlich? Geht es für dich weiter oder dem Ende zu? Die Spannung ist fast unerträglich, du hast nackte Angst. Warum spricht er nicht? Warum zuckt er mit der linken Augenbraue? Warum kratzt er sich plötzlich das Kinn? Ein Signal? Weiß er nicht, wie er es dir sagen soll? Fehlen ihm die Worte? Schiebt er dir jetzt diskret die Visitenkarte vom Bestattungsinstitut rüber? Oh, Gott, steh mir bei, vielleicht trete ich auch wieder in die Kirche ein, nur, bitte verschone mich. Da, er räuspert sich und sagt: „Sieht ja alles ganz gut aus, nur der Cholesterinspiegel ist bisschen zu hoch.“ Rumms! Ein Felsen poltert zu Boden. Noch mal gut gegangen – bis zu nächsten Vorsorgeuntersuchung.

Nirgendwo ist der Mensch so kleinlaut und ergeben, wie beim Arzt oder bei einer Ärztin. Die mögen von Geburt an reichlich oder weniger charakterliche Defizite haben, aber wer in der Schule schön fleißig war und aus der Klassenarbeit keine Papierflieger bastelte, der konnte Onkel oder Tante Doktor werden und anderen eines Tages sagen, was bei ihnen undicht oder defekt ist. Das kann der Installateur auch, allerdings genießt er nicht annähernd diese gesellschaftliche Wertschätzung wie eine Ärztin oder ein Arzt. Ein sauberes Abflussrohr ist halt keine Arterie.

Kein anderer rückt dir so auf die Pelle wie diese Mediziner, keiner kann dich so intim fragen oder in dich eindringen und deine Lebensweise beeinflussen wie sie. Mein Augenarzt hat mir mal nach einem Unfall die Diagnose erläutert, ich lauschte glasig seinen fachworttriefenden Worten und das lag nicht nur an den Tropfen, die er mir vorher verabreicht hatte. Als mich meine Familie fragte, was ich denn nun hätte, konnte ich nur „Keine Ahnung, irgendwas mit Auge“ sagen.

Ich war den Ärzten immer völlig ausgeliefert und ergeben, so, wie ich den Kniefall vor den „Göttern in Weiß“ von meinen beiden kreuzbraven Eltern geerbt habe. Das hat sich mit meiner Lebenserfahrung und einem inflationären Niveauabfall bei den Abiturienten jedoch geändert. Als letztens ein Freund stolz „Unser Valentin will Arzt werden“ zu mir sagte, konnte ich nur fragen: „Ach? Zum Zimmermann hat´s wohl nicht gereicht?“

Lachhaft

All meine Familienangehörigen, Freunde und Bekannten verlassen sofort den Raum, wenn ich mich in dieses Thema fast bis zur Raserei hineinsteigere, also bitte ich schon vorher um Entschuldigung und verstehe jeden, der es ihnen gleich tut und sofort aufhört zu lesen. Es geht um „die Deutschen“ und ihr Verhältnis zum Humor, der mir persönlich dabei längst vergangen ist und ich kann wirklich sagen, ich habe mich ehrlich um Verständnis bemüht.

Es ist schon eine Weile her, da habe ich zu diesem Thema bei Lappan ein Buch mit dem Titel „Lachtherapie“ veröffentlicht und versucht herauszuarbeiten, woran es liegen mag, dass wir Deutschen so ein ambivalentes Verhältnis zum Humor haben. Wir lachen wohl auch durchaus gerne, im Bewertungsportal allerdings erteilen wir dem Humor nur eine geringe Benotung. Ich zitiere Gerhard Polt: „Der Humor ist in Deutschland nichts wert.“ Ich muss immer sehr aufpassen, nicht ständig andere Länder zu verherrlichen, in denen es nach meiner Wahrnehmung völlig anders ist. Allerdings hat mal in Regensburg in einer Boutique eine bayerische Verkäuferin, als ich mit einer neuen Hose und offenem Hosenschlitz aus der Umkleidekabine trat, zu mir gesagt: „Wenn der Vogel tot ist, kann man den Käfig ruhig offen lassen.“ Also, es geht doch.

Man kann man ja auch nicht sagen, dass in unseren Medien nicht gelacht wird. Gefühlt Tausende von männlichen und weiblichen „Comediens“, neuerdings verstärkt mit Migrationshintergrund, stehen Abend für Abend auf irgendwelchen Bühnen und erzählen lustige Geschichten, manche singen sie sogar. Ich vermute, die Joke-Hunter der Fernsehanstalten streifen Tag für Tag auf der Suche nach Nachschub durch die Fußgängerzonen und fragen die Leute, ob sie witzig und einigermaßen flüssig reden können. Als Cartoonist mit Humorhintergrund stecke ich natürlich tief im Thema. Die Printmedien z.B. haben fast alle, bis auf ganz wenige Ausnahmen, die Cartoons aus ihren Heften verbannt.

Der Humor hat keine Lobby, er kostet nur Geld und das geht der Papierpresse in der Schlacht mit den digitalen Medien immer mehr aus. Ich muss ihre Entscheidung schweren Herzens akzeptieren und war selber schon, wie andere Kollegen und Kolleginnen, massiv davon betroffen. Es tobt der nackte Überlebenskampf im Media-Markt, im Buchhandel ist es nicht anders. Amazon liefert alles nach Hause, man muss nur noch zur Wohnungstür schlurfen. Und damit komme ich zum Punkt: Aktuell läuft mein neues Buch „Umso älter man wird, desto komischer werden die anderen“ außergewöhnlich gut. Es ist aber auch ein echt witziges Werk, randvoll mit super lustigen Cartoons…ich hör ja schon auf.

Jeder Buchhändler spürt das hier und da womöglich an der auffälligen Nachfrage der Kunden, nun würde man denken, das bewegt ihn dazu, sich von diesem erfolgreichen Titel ein paar Exemplare in den Laden zu legen. Mit 10.- Euro ist das Buch keine übermäßige Investition und verderben tut es auch nicht. Aber alle Leute, denen ich mein Buch in penetranter Hartnäckigkeit ans Herz gelegt habe und die es noch in traditioneller Art und Weise in ihrem örtlichen Buchhandel kaufen wollten, hörten von ihrem Buchhändler/ ihrer Buchhändlerin den berühmten Satz: „Können wir bestellen.“ Das bedeutet also, diese Buchhandlungen ordern von einem erfolgreichen Cartoonbuch immer nur ein Exemplar nach? Wenn jemand danach fragt, kann man es ja wieder neu bestellen und man sieht den Kunden am nächsten Tag noch mal wieder? Läuft das unter Fitnessförderung oder Wiedersehensfreude? Amazon jedenfalls grinst sich einen. Andererseits wiederum stapeln viele Händler die Literatur aus dem Olymp der Spiegelbestsellerliste bei sich zu Türmen. Da brechen sich doch die Komplexe des neidischen, egozentrischen Witzzeichners mit aller Macht Bahn und er lehnt sich schluchzend an die Schulter der Buchhandlungen, von denen er weiß, dass sie in ihrem Sortiment dem Humor die gebührende Ehre erweisen.

Meine Grüße gehen an meine Freunde in die Literaturhandlung Paperback nach Bad König und an Regina bei Pustet in Passau. Und an Peter, der schon fünf Exemplare gekauft hat, vier davon will dieser humorvolle Mensch verschenken. Wahnsinn! Aber ein Teil seines Erbgutes stammt ja auch mütterlicherseits aus England.

Schlafmütze

Meine Eltern fuhren jedes Jahr zu Silvester zu Freunden zum „Karpfen Blau-Essen“ und launigem Zusammensein. So sah ich meinen Vater ein Mal im Jahr mit roter Nase, einem roten Fes auf dem Kopf und in kurzen Hosen. Das war für diese Generation wie Karneval in Rio. Um diesem spektakulären Event beiwohnen zu dürfen, musste ich mich am 31. nach dem Mittagessen zum Schlafen hinlegen, um bis weit über Mitternacht wach bleiben zu dürfen. Diese Maßnahme erschien mir völlig widernatürlich, aber als Zehnjähriger war ich im Erziehungsverständnis meiner Eltern weisungsgebunden. Also lag ich am hellen Tag in meinem Bett und zwang mich zu schlafen.

Da ich mich in meiner Vorfreude auf den Abend natürlich überhaupt nicht entspannen konnte, konzentrierte ich mich darauf, mitzubekommen, in welchem Moment der Schlaf mein Wachsein überwältigt. Ich wollte wissen wie das funktioniert, wollte den Prozess begleiten, aber irgendwie bin ich immer vorher eingeschlafen. Noch heute beschäftige ich mich mit meinem Schlaf, vorrangig mit der Sorge, ich könnte nicht genug davon bekommen. Denn ohne genügend Schlaf bin ich nur halb so viel wert. Körperlich schlapp, geistig müde. Ausgeschlafen schlage ich Bäume und mein Geist lechzt nach intellektuellen Herausforderungen. Wie viel Schlafbedarf ist mir genetisch in die Wiege gelegt worden und was ist Einbildung? Vor langer Zeit las ich mal, dass Franz Beckenbauer mindestens acht Stunden Schlaf braucht.

Andere brauchen nur sechs Stunden oder kommen auch mit fünf aus. Politiker, speziell in Koalitionsverhandlungen, brauchen gar keinen Schlaf, dafür schlafen sie dann im Bundestag. Nun ist der Schlaf wohl der beste Freund aller ganzheitlichen Mediziner, in unserer leistungs- und erfolgsorientierten Gesellschaft allerdings ein Zeichen für Schwäche. So gesehen bin ich ein absoluter Versager, unter acht Stunden Schlaf bringe ich nämlich – wie gesagt – nur halbe Leistung. Außerdem leiste ich mir gerne noch ein Mittagsschläfchen. Ich verpenne also fast die halbe Zeit meines Lebens, bin schon im Kino, in der Schule und beim Sex eingeschlafen. Mein Arzt entdeckte keinen Befund. Bei meiner Größe braucht mein Blut halt länger bis zum Hirn, meinte er, und ich solle mich bei unerwünschter Müdigkeit einfach mal bücken, damit mir das Blut in den Kopf steigt.

Sieht immer komisch aus, wenn ich bei Besprechungen plötzlich aufstehe und kopfüber verharre, aber ist mir egal. Jeder meiner Versuche, mich in die erlauchte Riege der Minimalschläfer empor zu kämpfen, scheiterte fürchterlich. Als Beispiel möchte ich da vor langer Zeit einen Besuch beim Kölner Karneval erwähnen. Von Gründonnerstag bis Aschermittwoch durch, das war mein Ziel. Schon am Freitagabend konnte ich mich kaum noch auf den Beinen halten und Samstagnacht landete ich in polizeilicher Verwahrung, weil ich mich in ein Möbelhaus geschlichen hatte, um mich in der Schlafzimmerabteilung in tiefen Schlaf zu betten. Kurzum, ich bin eine echte Schlafmütze. Mir werden gerade die Lider schwer, sehr schwer….

Wie schön ist der denn?

Man nennt ihn „Ruhestand“, den ersehnten Zeitpunkt, ab dem man nicht mehr um 6 Uhr morgens bei Wind und Wetter aus dem warmen Bett muss, um in vollen Verkehrsmitteln und auf ebensolchen Straßen mit müden Menschen gemeinsam zur Arbeit zu fahren. Aber, wie ich beobachtet habe, wirklich ruhen tut keiner von denen, der diesen „Ruhestand“ erreicht hat, im Gegenteil, er wendet sich jetzt nämlich intensiv einem Objekt zu, das ihm von Geburt an bekannt ist, für das er aber in Anbetracht anderer Dringlichkeiten, wie Sex, Alkohol und Schweinshaxen, viel zu wenig Zeit hatte: seinem Körper. Plötzlich entdeckt er Organe, von denen er vorher gar nicht wusste, dass er sie hat. Er identifiziert Gliedmaßen, Muskeln, Haut, Fältchen, Flecken, Schwellungen, Verfärbungen, die ihm erst mal fremd vorkommen, nun aber seine ganze Aufmerksamkeit erhalten.

Plötzlich empfindet er Schmerzen, die während seines Arbeitslebens keine Chance hatten, auf sich aufmerksam zu machen. Schon mit dem Aufwachen steuert er mit Augenmuskelübungen, Dehnungen, Streckungen und Salbungen dagegen an. Anschließend holt er Berge von Prospekten aus seinem Briefkasten, Angebote von fürsorglichen Medikamentenherstellern, die ihre aus dem Wunder der Natur gewonnenen Nahrungsergänzungsmittel preisen und ihm Erlösung, zumindest Erleichterung jedweder Leiden versprechen. Für ihn auch ein Wunder, woher die wussten was gut für ihn ist und vor allem seine Adresse hatten. Auch auf YouTube strecken und dehnen ihm jetzt körperkundige Physiotherapeuten etwas vor und lockern seine Faszien und Sehnen. Endlich gelingt ihm beim Autofahren wieder der „Radfahrerblick“ und er kann sich ohne fremde Hilfe sein Gesäß kratzen. So schön hatte er sich den Ruhestand nicht vorgestellt. Sehr schade eigentlich, dass er erst im Alter kommt.

Danke, Corona

Man mag über Corona noch so schlecht reden oder denken wie man will, aber Clara hat sich plötzlich in eine Katze verliebt, Lukas die Freude am Kochen entdeckt, Katharina malt abstrakte Acrylbilder, Felix ist ein begeisterter Schachspieler geworden, Mario hat seine alte Modelleisenbahn wieder in Betrieb genommen, Jens und Pia haben sich einen Schrebergarten gemietet und Eddy und Uli ein Baby gezeugt. Dass Kevin plötzlich mit dem Stricken angefangen hat und Tanja jetzt in einer Latino-Combo trommelt, hat alle schwer beeindruckt. Ich habe endlich begonnen meine Augen für all die Dinge zu öffnen, die mir unangenehm sind, die ich ständig verdränge oder aufschiebe, Plagen wie Verträge, Policen, Kosten, Rechnungen, Vermächtnisse, Versprechungen, Zusagen, Absagen – und habe gestaunt, was ich alles im Leben mal unterschrieben habe. Ich las alte Liebesbriefe und spürte Schamesröte darüber, was ich einst fühlte und schwor.

Ich habe meinen Kleiderschrank inspiziert und Berge von Klamotten entsorgt, die mir schon seit Jahren nicht mehr passen. Ich habe alte Bierkrüge, Pötte und beispiellosen Kitsch aus meinen Schränken und Regalen entfernt, der nur noch als Staubfänger fungierte und ihn in den Müll geworfen. Ich habe alte Fotos, Dias, Negative, Videos, Langspielplatten, CD´s und Musikkassetten gesichtet und bin dabei auf herrliche Gefühle aus tiefster Vergangenheit gestoßen. Bei der nächsten Epidemie will ich endlich Klavierspielen lernen.

Die Tasche

Warum mache ich das? Warum packe ich mir, kaum dass ich mal ein paar Tage unterwegs bin, sämtliche Aufgaben ein, die ich ewig schon erledigen wollte? Mein Testament, mein Fahrtenbuch, mein Brief an Andy Scheuer, mein Antrag auf Steuerbefreiung, meine Konzepte für neue Projekte, meine Botschaft an die Welt, von meiner Autobiografie und dem Entwurf für einen Jahrhundertroman mal ganz abgesehen. Alle diese Vorhaben schleppe ich also fluchend in einer bedeutungsschweren, schwarzen Tasche – mein tragbares, schlechtes Gewissen – auf Reisen von Ort zu Ort mit mir herum. All meine Freunde und Bekannten kennen sie und ein Besuch von mir ohne dieses Gepäckstück würde sie garantiert verstören. Am Ende meiner Reisen kehrte dieses Teil genau so wieder nach Hause zurück, wie es abgereist war, allein meine Armmuskulatur hatte sich verändert, sonst war der Inhalt völlig unberührt.

Vor Jahren hatte ich die Tasche mal versehentlich bei einem bayerischen Freund stehen lassen. Er schickte sie mir umgehend nach und legte mir als kleines Geschenk eine frische Laugenbrezel hinein, weil er wusste, dass die mir nur in Bayern schmeckt, die hiesigen Bäcker bei mir im Norden kriegen so einen Teig einfach nicht hin. Monate später habe ich die versteinerte Backware gefunden. Sie hängt nun als Zierde bei mir an der Eingangstür.

Autonummer

Ein Auto, mit denen man abseits der asphaltierten Straßen fahren konnte, gab es immer schon, es hieß „Jeep“. Anfangs fuhren die Amis damit an die Front, später kurvte man damit im Urlaub über die Sonneninseln – da hieß er „Wrangler“ oder kleiner „Suzuki“. Und dann erschien er, der SUV, und stürmte weltweit die Verkaufslisten. Hoch, breit, schwer und protzig. Nun waren auch Normalbürger in der Lage, damit Berghänge zu erklimmen, unwegsame Wälder zu erkunden und Furten zu durchqueren. Macht aber keine/r, dafür bringt die junge Mutti damit ihr Kind sicher in den Kindergarten und Männer rollen zur Bierverladung an die Rampe des Getränkemarktes.

Ältere Herrschaften lieben ihn besonders, weil man so bequem einsteigen kann. Am allermeisten lieben ihn die Autohersteller, die gefühlt nur noch SUV´s bauen und damit fette Gewinne einfahren. Was der Kunde mag, baut man. Egal, ob überhaupt noch Platz ist in unseren Städten oder Parkhäusern. Nichts gegen ein Auto, außen so klein, innen so groß wie möglich, komfortabel, sicher, sparsam im Verbrauch, großzügig im Laderaum. Eins, in das man nackenfreundlich einsteigen kann und höher sitzt, um einen besseren Überblick zu haben. Eine tolle Aufgabe für geniale Konstrukteure. Aber nein, die bauen lieber einen SUV-Zombie, der wie eine Outdoor-Walze auf dem Weg zur nächsten Testosteron-Tanke daherkommt. An der Tanksäule putzt dann Oma für Opa die Scheinwerfergalerie, damit er das Großwild besser sehen kann. Da draußen tobt der Wahnsinn. Aber ein Trost: Auf der Arche herrscht SUV-Verbot.

Schwach

Wenn Markus Söder „Mobilität“ sagt, so klingt das wie „Mobbiltät“, die Betonung auf „o“. Im gleichen Atemzug sagt er „Digitalisierung“, auch hier die Betonung auf „Diggi“. Also Mobbidiggi! So kommt zusammen, was zusammen gehört. Mobbidiggi, das neue Mantra aller Politiker, das Zauberwort, der Heilsbringer, der erlösende Schritt in eine glorreiche Zukunft. Die Algorithmen vernetzen die Welt, verbinden und verbrüdern sie, ölen Kommunikationsstränge, durchschlagen endlich die Knoten von Missverständnissen und Informationsmängeln. Wir verstehen uns endlich, nie wieder Krieg! Eine Vision wird wahr. Stören tut dabei eigentlich nur der Mensch, dieses mangelhafte, fragile Etwas, anfällig für Emotionen und Stimmungen, geschrieben von einem metaphysischen Informatiker, der offenbar die Unvollkommenheit als Spannungsfaktor bewusst mit eingebaut hat, damit es uns auf unserer Erde nicht zu langweilig wird. Als Beispiel möchte ich meinen verzweifelten Versuch anführen, meinen Gasanbieter zu wechseln.

Nach vier Anrufen, vier unterschiedlichen Auskünften, vier verschiedenen osteuropäischen Akzenten und zahllosen Fragezeichen, habe ich fast das Tor zum Wahnsinn aufgestoßen und resignierend aufgegeben. Selbst Alexa hatte keine Antwort. Der Mensch ist einfach zu schwach. Mit den vergötterten Algorithmen wird es immer komplizierter und wirrer, statt einfacher. In Sachen Wärmeversorgung kehre ich zurück zum guten alten Lagerfeuer.