Voll daneben

Die armen Eltern, sie haben ihr Kind noch gar nicht gesehen und sollen ihm schon einen Namen geben, einen, der ein Leben lang zu ihm passt. Die Entscheidungsfindung ist unter Eltern zumeist ein langer, häufig kontroverser Prozess. Haben sie sich endlich entschieden, betritt das Resultat die Öffentlichkeit. Ein Härtetest! Ihre Wahl löst nämlich bei den Außenstehenden verlässlich einen wilden Shitstorm aus. „Wie?? Wie soll euer Kind heißen?“, kreischt die Tante entsetzt. „Jette? Jette wie die blöde Jette Joop?“ „Alternativ hatten wir Melanie.“ „Melaaanie?? Wie die Zicke aus meinem Golfclub? Nicht euer Ernst? Und wenn´s ein Junge wird?“ „Da dachten wir an Oskar.“ „Oh, nein! Wie unser fetter Elektriker?“ „Wir hatten auch noch Kasper erwogen.“ „Tri-tra-trullala? Kasperle ist wieder da?“ So könnte das noch stundenlang weitergehen, kein Name stößt bei den anderen auf Zustimmung, keiner. „Grete“ stinkt nach Fisch, „Bruno“ nach Bär, „Max“ nach defektem Flugzeug, „Marlene“ ist altmodisch, „Pia“ klingt wie Bier, „Basti“ schwul. Gebt auf, liebe Eltern, nennt euer Kind einfach wie ihr wollt, auf keinen Fall aber „Amanda“, wie die Tante vorschlug. So heißt nämlich die ordinäre Bedienung in unserer Pizzabude.

Ohrwürmer

Ich wurde wach und hörte es erst ganz leise, dann schwoll es an und klang laut und klar: „Ra-Ra-Rasputin, Lover of the Russian Queen….“ Mann, wie kommt bloß dieses blöde Lied von Boney M. in meinen Kopf, dachte ich, streckte mich, schüttelte mich, bohrte mir mit den Fingern in den Ohren, aber es half nichts…“Ra-Ra-Rasputin, Lover oft the Russian Queen…“ stampfte der Beat in meinem Kopf. Diagnose Ohrwurm! Nun gesellten sich auch noch Bilder dazu.

Ich sah diesen krausköpfigen, grellbunt gekleideten Sänger vor meinen Augen herumzappeln und springen, das volle Programm. Der Versuch, ihn mit Jimi Hendrix auszutauschen, misslang. Wie kam dieser bekloppte Song in meinen Schädel, fragte ich mich. Lag es vielleicht am Ras-Putin? Hatte also unterbewussten Bezug zum omnipräsenten Putin? Keine Ahnung, was sich im Kopf manchmal so abspielt und das ist manchmal auch ganz gut so, finde ich. Also stand ich auf und ging ins Bad, womöglich half ja duschen. Aber Rasputin duschte mit. Mir fiel sogar auf, dass ich im Rhythmus des Liedes meinen Waschlappen kreisen ließ. „Ra-Ra-Rasputin, Lover of the Russian Queen…“, oh Gott.

Ich glaub, ich muss zum Arzt. Wie bekam ich nur diesen Quälgeist aus meinem Hirn? Gerade hatte ich mich abgetrocknet, da klingelte das Telefon. Eine Ablenkung wird mir gut tun, dachte ich. Freund Micha war dran, wollte hören wie´s mir geht. „Alles gut so weit, bin nur bisschen genervt“, sagte ich. Er wolle wissen warum. „Mir geht heute Morgen ein Lied nicht aus dem Kopf“, offenbarte ich ihm. „Welches Lied?“, fragte er neugierig. „Ra-Ra-Rasputin…“, trällerte ich in den Hörer. Stille. Dann brüllte er: „Lover oft he Russian Queen? Bist du denn wahnsinnig?“ Zu spät. Mein Ohrwurm war zu ihm übergesprungen. Erleichtert legte ich auf und ging in die Küche. Maria machte gerade Kaffee und trällerte dabei: „Life!…na-na-na-nana…Life is Life…na-na-na-nana…“ Ich glaub ich bring sie um.

Stunden, Stühle, Maulwürfe

Sie hält mit dem Schnippeln der Möhre inne: „Irgendwas war doch am Wochenende?“ Er schaut sie verspannt an: „Kommt etwa jemand?“ „Nicht dass ich wüsste“, entgegnet sie. Er lockert sich. Einfach mal ein ganzes Wochenende einfach nur unrasiert und schlaff abhängen, keine Freunde, keine Verwandten, keine Nachbarn – null.

„Irgendwas war“, sie kann brutal hartnäckig sein wenn ihr was im Kopf herumgeht, ist sogar dazu fähig, ihn nachts mit „Hast du eigentlich den Typ von der Versicherung angerufen?“ zu wecken. Als Richter würde er einem Ehemann, der seine Frau gewürgt hat, mildernde Umstände zubilligen. Plötzlich schlägt sie mit der Hand auf den Küchentisch und ruft: „Ha! Ich hab´s! Am Sonntag werden die Uhren auf Winterzeit umgestellt! Ich wusste doch, dass da was war.“ „Klasse“, antwortet er.

Klack – klack – klack – sie hackt emsig die Möhren in Scheiben. Gerade will sie sich eine in den Mund stecken, da meint sie: „Also, wie war das noch mal? Eine Stunde vor oder zurück?“ Das hat sie jetzt nicht gefragt, denkt er. Wie zu erwarten, sie lässt nicht locker: „Vor oder zurück?“ „Wie lange haben wir jetzt schon diese alljährliche Zeitumstellung?“, fragt er spitz. „Du musst jetzt nicht wieder deine blöden Kommentare abgeben“, bemerkt sie gereizt, „sag mir einfach ob vor oder zurück.“ „Zurück“, antwortet er. „Na siehste, geht doch.“

Sie hebt wieder das Gemüsemesser, stoppt, fragt noch mal nach: „Bist du sicher?“ Er holt tief Luft. „Im Frühjahr werden die Uhren eine Stunde vorgestellt, im Herbst wieder zurück. Also im Frühjahr stellen sie in den Straßencafés die Stühle raus, im Herbst wieder rein, so kannst du dir das gut merken.“

„Die stellen im Frühjahr die Stühle für eine Stunde raus? Wie blöd ist das denn?“ Er atmet schwer. „Okay, dann merke dir doch einfach, im Frühjahr verlierst du eine Stunde, im Herbst findest du sie wieder. Ist doch schön. Freue dich.“ „Ich soll einen ganzen Sommer nach meiner verlorenen Stunde suchen? Das soll ein schöner Gedanke sein?“ Er fängt an sich zu kratzen. „Mensch, meinetwegen stell dir einen Maulwurf in deinem Garten vor, im Frühjahr zieht er sich ins Erdreich zurück, im Herbst kommt er wieder raus.“ „Der soll Monate lang nicht mehr an die Oberfläche kommen? Der erstickt doch.“ „Denk doch was du willst!“. Er knallt die Tür hinter sich zu. „Wenn man schon mal deine Hilfe braucht!“, schreit sie ihm hinterher.