Fahrendes Volk

Der Mensch stammt wohl eindeutig von der Schnecke ab, anders kann ich mir den neuen Hype um die Wohnmobile kaum erklären. Fast jeder kauft sich heute so ein rollendes Heim, mal als Zweiachser, wie die Rübenbergers, mal als ausgebauten VW-Bus, wie Brigitte. Auf den Autobahnen fahren sie in endlosen Schlangen von Campingplatz zu Campingplatz, nehmen millimetergenau ihren vorgebuchten Stellplatz ein, stellen ihre Stühle und Schirme raus, hocken sich zwischen die beiden Nachbarmobile und schlürfen ihren Kaffee aus Plastikbechern.

Die Männer diskutieren über Abwasserpumpen, die Frauen über pflegeleichte Teppichböden. Was ist mit den Menschen los? Sehnsucht nach Nomadenleben? Flucht vor Viren? Selbstverwirklichung? Schwarzgeld unterbringen? Verschollen geglaubte Freunde von mir riefen mich plötzlich letztens an und fragten mich, wie es mir um Himmels Willen ginge und ob ich noch in dem Haus mit dem großen Garten lebte? Sie hätten ständig an mich gedacht, sich um mich gesorgt, unendliche Sehnsucht entwickelt und wollten mich um jeden Preis wiedersehen. Gestern rollten sie mit ihrem neuen Wohnmobil um die Ecke. Erst fragten sie nach einer Steckdose, dann nach einer Fäkaltankentsorgung und danach, ob sie ein paar Tage im Garten neben dem Apfelbaum stehen könnten. „Obst kostet extra“, habe ich gesagt.

Artikel

Der Beruf eines Cartoonisten ist irgendwie anders als andere. Das macht viele Menschen neugierig und bewegt sie erstaunlicherweise zu immer wiederkehrenden Fragen. Die erste ist: „Wie kommt man nur auf solche blöden Ideen?“ Die zweite: „Und wenn einem keine mehr einfallen?“ Die dritte: „Und davon kann man leben?“

Immer diese drei Fragen, in dieser stereotypen Reihenfolge, ich schwöre. Manchmal, wenn ich zufällig bei Ausstellungen oder Preisverleihungen neben jungen Kollegen*innen stehe und heimlich mithöre wie sie interviewt werden – nichts hat sich geändert. Erste Frage: „Wie kommt man nur auf solche blöden Ideen?“ Zweite…siehe oben. Es wird aber noch verrückter: wir Cartoonisten*innen geben auch immer dieselben, stereotypen Antworten. Wie gerne hätte ich mal was ganz Neues gesagt, etwas wirklich Überraschendes, etwas, was noch keiner jemals vor mir gesagt hat, so brillant und bewegend, dass es Geschichte schreibt, aber denkste. Ich quatsche immer den selben Stuss. Manchmal schäme ich mich richtig, wenn ich ein Interview von mir in der Zeitung lese. Ich denke oft, was redest du denn da für einen Scheiß? Es wäre schön, Peter, wenn du beim Denken nicht so viel denken würdest. Mitunter hat der Redakteur auch meine Antworten entweder falsch verstanden oder nicht richtig zugehört. Da hab ich dann „Hannes Wader studiert“, dabei habe ich mit ihm studiert und in der Schule war ich nicht der „Klassensprecher“, sondern der Klassenclown.

Wenn mich aber die ersten Freunde anrufen und mir zu dem „super Artikel in der Zeitung“ gratulieren, dann finde ich, egal, Hauptsache du bist in der Presse. Aber beim nächsten Mal, da haue ich dann dermaßen geistreiche, grandiose Sätze raus, dass alle nur noch stöhnen.
Übrigens: Dies ist mein 300ster Blog! Wie mir immer was einfällt? Also dazu darf ich kurz Sokrates zitieren….

Die Geschichte des Weihnachtsmannes

Der Weihnachtsmann heißt eigentlich Matti Heikkinen und wurde in einem kleinen Dorf nahe Helsinki geboren. Sein Vater war Rentierzüchter und seine Mutter arbeitete in einer Fischfabrik als Schuppenflechterin.

Sein Talent zum weltweit berühmtesten Geschenkkurier war anfangs gar nicht zu erkennen. Der kleine Matti rodelte wie alle Kinder am liebsten mit seinem Schlitten das elterliche Dach herunter und fuhr auf den Tränenbächen seiner von ihrer Ehe frustrierten Mutter Schlittschuhe. Hin und wieder half er seinem Vater beim Kastrieren der Rentierbullen oder seiner Oma beim Einbringen der vereisten Wäsche. In der Schule störte er durch ständige Zwischenrufe, wie „Ho-ho-ho!“ oder „Wart ihr denn alle schön brav?“. Gute Pädagogen hätten da allerdings schon erkennen können, welches Talent in dem kleinen Matti schlummerte.

Der studierte also erst mal Walgesang und tourte mit der Gruppe „Fishermans Friend“ über die finnischen Dörfer bis er am Heiligen Abend 1847 bei einem Auftritt von einer indigenen Verehrerin ein in Geschenkpapier eingewickelten Brathering zugeworfen bekam. Das berührte Matti dermaßen, dass er in diesem Moment die Idee hatte, dieses Gefühl der Dankbarkeit allen Menschen zuteil werden zu lassen. Er ließ sich die Haare weiß färben, einen langen Bart wachsen und von der berühmten finnischen Mode-Ikone Supi Klamottinnen einkleiden. Die wählte ein kräftiges Rot, an Hals, Ärmeln und Mütze weiß abgesetzt, und kreierte damit dass weltweit berühmte Outfit des berühmten Geschenkkuriers.

Fortan beglückte Matti am Heiligen Abend als „Weihnachtsmann“ Erwachsene und Kinder gleichermaßen. Irgendwann investierte er in einen Schlitten und sechs zugkräftige Rentiere, anders war das auch gar nicht mehr zu schaffen. Seine Anträge auf Ruhestand werden alljährlich mit der Begründung abgelehnt, dass er eine „systemrelevante“ Persönlichkeit sei und für die Gesellschaft schlicht unverzichtbar. Ein Ende seiner erfolgreichen Karriere steht also in den Sternen. Das ist die wahre Geschichte des Weihnachtsmannes. Hätte man nicht gedacht, oder?