Willkommen!

Besuch, das klingt nach Wiedersehensfreude und Herzlichkeit und alte Freunde wieder mal innig in den Arm nehmen, sie zu verköstigen, viel zu fragen, viel zu erzählen. „Besuch ist wie Fisch, nach drei Tagen stinkt er“, heißt es. Nicht dieser Besuch, niemals. „Fühlt euch wie Zuhause“, sage ich und meine es so. Frank nimmt das wörtlich und breitet erst mal sein Rasierzeug im Bad aus. Anika hängt unseren Garderobenständer mit ihrer Kleidung voll und stellt ihre Pantoffeln in die Diele. Sie schlafen lange und frühstücken noch, während unsere Kaffeetassen längst gespült sind. Frank latscht gerne noch in ausgeleierten Unterhosen herum, während Anika endlos duscht und sich anschließend mit einem turmhohen Badehandtuchturban an den Tisch setzt. Er schlürft laut seinen Kaffee, sie popelt sich aus den Brötchen den Teig heraus. Danach raucht er draußen eine Zigarette, während sie mit Yoga die Sonne begrüßt. Sie verträgt keine Tomaten und Zwiebeln, er mag kein alkoholfreies Bier und geschlossene Fenster. Sie wäscht ungern ab, er stößt gerne auf. Nach einer Woche fahren sie wieder. „Kommt bald wieder“, flehen wir. Seine ungepflegte elektrische Zahnbürste schicke ich ihm mit der Post nach.

Paris?

Vor ein paar Tagen bekam ich eine Nachricht von einem lieben alten Freund aus jungen Tagen. Wir hatten früher Jahre lang zusammen Musik gemacht, in Berlin, außerhalb von Berlin, niemals aber über die Grenzen unserer Republik hinaus. Zwar hatte unserer Manager – ja, wir hatten einen umtriebigen Manager, um den uns unsere Konkurrenten in der Szene schwer beneideten – ständig versucht, mit allen Tricks in die Presse zu kommen und gelogen, das sich die Lettern bogen, u.a. von einer Anfrage des Managers der Beatles, Brian Epstein, bezüglich eines Auftritts unserer Band in London, aber es war alles Fake.

Nun also schrieb mir mein Freund: „Ich könnte mir heute nicht mehr vorstellen – wie damals, als wir in Paris waren -, noch mal auf den Eifelturm zu gehen. Komme ja nicht mal mehr drei Stockwerke hoch.“ Mir wurde ganz anders. Nicht etwa, weil ich mich selber fragte, ob ich heute noch mal auf den Eifelturm gehen könnte, sondern ganz generell: Wann waren wir mit der Band jemals in Paris? So sehr ich auch meinen Kopf anstrengte, in alten, verstaubten Zellen wühlte, ich fand keine Bilder mit der Band in Paris. Da war nichts, gar nichts. Aber alle älteren Menschen kennen das, manche sogar schon aus der Schule: man ist vergesslich. Dieser oder jener Name fällt einem nicht mehr ein, Orte, Zeiten, Musiktitel, Musiker, Schauspieler, verdammt, wie hieß der, der, mit dem, dem, der bei, bei….? Bye, bye, Erinnerung.

Nun muss nicht alles gleich ein bedrohliches Symptom sein, man hat ja voll umfänglich mit Corona wirklich genug zu tun, aber Sorgen machte ich mir schon. Warum habe ich vergessen, dass ich mal auf´m Eifelturm war? So was macht man ja auch nicht alle Tage so nebenbei. Womöglich war ich damals auch mal auf dem World Trade Center oder mit der Band zu einem Open Air Konzert auf dem Roten Platz in Moskau? Oh, Gott. Ich konsultierte einen weiteren Überlebenden aus unserer Band, der aber konnte sich, zu meiner Erleichterung nach längerem Nachdenken, auch nicht dran erinnern, dass wir mal in Paris waren. Also antwortete ich meinem Eifelturmbesteigerfreund: „Hä? Wann waren wir denn mal in Paris?“

Als Antwort erhielt ich: „Na, jetzt geht´s ja los.“ Er war in Paris uns ist zu Fuß den Eifelturm hoch und zwar mit unserem Manager. Definitiv! Zum Glück hatte ich damals in den Bandzeiten jeden Artikel eingeklebt, in dem was über die bombastischen Auftritte unserer Gruppe stand: „Teambeats bringen den Schülerball zum Kochen!“ „Teambeats rocken den Schützenhof!“ Und dann, ich traue meinen Augen nicht, finde ich einen großen Artikel mit Foto von mir vor dem Flughafen Tempelhof. Überschrift: „Peter Butschkow in Paris!“ Und los ging es mit: „Nach der Landung in Orly wurde der Bandleader der Teambeats von zwei bildhübschen Französinnen begrüßt…“ Also, ich würde mich sogar noch an eine einzige bildhübsche Französin, erinnern, meine ich. Tut mir leid, ich kannte weder, noch „hatte ich“ jemals eine Französin. (Was ich immer sehr schade fand.) Mein alter Freund kam auch nicht zur Ruhe, „Bin ich denn jetzt ganz blöd?“, lautete seine Selbstanfrage. Wir waren beide spürbar schwer verunsichert, aber umso mehr ich den Artikel las, in dem ich offenbar eine Nacht mit Johnny Hallyday gesoffen hatte und am Ende mit Brigitte Bardot im Bett landete, desto mehr erinnerte ich mich: es war alles erstunken und erlogen. Der Manager („Ist doch wurscht. Fragt kein Mensch nach. Hauptsache die Band ist in der Presse.“) wollte mit mir nach Paris, um beim ORF unsere neue Platte vorzustellen – aber ich wollte nicht. Hatte Angst vor´m Fliegen und vor der Rache meiner Freundin.

Dafür ist dann tatsächlich mein Freund und Gitarrist eingesprungen. Puh! Nun hatten wir´s. Der schrieb mir dann noch, er hätte in Paris kein Wort verstanden, wäre tatsächlich den Eifelturm hoch (garantiert nur bis zum Restaurant) und hätte sich nach einem Steak die ganze Nacht im Hotelzimmer erbrochen. Am nächsten Morgen seien sie wieder zurück nach Berlin geflogen. Jetzt konnte ich mich auch wieder dunkel daran erinnern, wie schlecht er damals nach seiner Rückkehr aussah. Er sich natürlich überhaupt nicht.

Edelbitter

Mein Einkauf ist auf dem Laufband an der Kasse. Banane – Piep! – Blumenkohl – Piep! – Milch – Piep! – Nudeln – Piep! – diverse weitere Pieps werden von der Kassiererin über den Scanner gezogen. Sie lässt die eingescannten Artikel der Reihe nach zur Ablagefläche runterrutschen, wo ich sie in fließender Bewegung in Empfang nehme und in meinen Einkaufwagen lege.

Hä? – denke ich, was ist das denn? Eine Packung „Schwarze Herrenschokolade, Edelbitter, hauchdünn“? Hab ich nie gekauft. Ich hasse Edelbitterschokolade. „Täfelchen“, lese ich, ach wie süß. „Mit 60% Kakao“, steht auch noch drauf. Auch mit 100% Kakao, nein, nochmals nein! Also sage ich freundlich aber bestimmt: „Diese Edelbitterschokolade gehört aber nicht mir.“ „Lag aber bei Ihrem Einkauf“, antwortet die Kassiererin, eine muskulöse Blondine, mit der man sehr gerne friedlich auskommen möchte.

Ich blicke zurück zur Kundin, eine junge Frau hinter mir, sie hat nur zwei Kosmetikartikel auf dem Band und schaut weg. „Verzeihung“, rede ich sie an, „gehört die Schokoladentafel vielleicht Ihnen?“ „Mir?“, fragt sie verdutzt, „nein, würde ich niemals kaufen, ich hasse Edelbitterschokolade.“ „Aber irgendjemand muss mir doch diese Tafel in meinen Wagen gelegt haben?“, bemerke ich. „Wie meinen Sie das?“, fragt mich die junge Frau. „Nein, bitte, ich möchte Ihnen nichts unterstellen“, antworte ich, „aber vielleicht haben Sie das unbewusst getan?“ Sie starrt mich an. „Sie meinen, die Edelbitterschokolade aus der Kosmetikabteilung in meinen Wagen gelegt? Steht vielleicht „Gut für die Haut“ drauf?“, fragt sie spitz. „Schokolade befeuert positive Botenstoffe im Körper und die wiederum sind folglich auch gut für die Haut. Durchaus ein komplexer Zusammenhang. Also? Warum nicht? Ganz unbewusst?“, gebe ich zu bedenken. „Noch bin ich klaren Geistes, guter Mann“, antwortet sie scharf und ich denke kurz, woher weiß sie, dass ich ein guter Mann bin?

Inzwischen haben sich weitere Kunden in die Schlange vor der Kasse eingeordnet und fragen sich spürbar, warum es da vorne nicht weitergeht. Auch die Kassiererin wird ungeduldig. „Aber alle weiteren Artikel die Sie gekauft haben, sind so weit okay? Nur, damit ich mich entspannen kann“, sagt sie. „Alle wunderbar, nur diese Edelbittertafel nicht“, antworte ich „Die habe ich nun aber bereits eingegeben“, sagt sie mit frostigem Unterton. „Können Sie das nicht draußen weiter diskutieren?“, kommt eine Stimme aus der Schlange. „Möchte jemand von Ihnen vielleicht eine Tafel Edelbitterschokolade?“, rufe ich. Da meldet sich eine alte Oma aus der Schlange an der Kasse nebenan: „Ha! Sie haben meine Schokolade genommen? Unerhört! Ich wundere mich schon die ganze Zeit, wo denn die Tafel Edelbitter ist?“ „Sie stehlen alten Damen die Artikel aus dem Einkaufswagen?“, herrscht mich die Kassiererin an. „Und verleumden die Kundschaft“, ergänzte die junge Frau. „Polizei!“, keift jemand, da stürze ich schon fluchtartig nach draußen. „Wir wissen wo du wohnst!“, höre ich noch aus der Ferne.