Taschenspiele

Einkaufspassagen stehen bei mir auf der Hass-Skala gleich hinter Badestrand, aber es hilft nix, ich brauche dringend mal wieder ein neues Hemd. Also betrete ich mit tiefer Abscheu einen dieser Konsumtempel. Von leiser Musik umspült schleiche ich missmutig an blitzeblanken Glasfassaden vorbei und versuche in dem Meer von Stoffen und Farben ein Signal meines Wunschhemdes zu erhaschen. Warum habe ich immer den Eindruck, dass in allen Boutiquen das Gleiche hängt? Irgendwann hole ich tief Luft und schreite durch die verlockend weit geöffnete Pforte eines Ladens. Scheu streiche ich in an Hemdenkollektionen vorbei, begrapsche dieses und jenes Hemd – und weiß nicht. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragt eine Verkäuferin. Lass mich in Ruhe, du blöde Kuh, denke ich und sage: „Danke, sehr freundlich, ich schau mich nur um.“ „Schauen Sie sich nur um“, wiederholt sie. „Nur mal umschauen“, bekräftige ich und blättere durch eine Reihe einfarbiger Hemden. Ups, denke ich, das könnte was sein. Hellgrau, XL, flauschiger Stoff. Ich liebe warme Hemden. „Ziehen Sie´s doch mal an“, meint sie.

Oh, wie ich auch das hasse. Enge Kabine, ausziehen, die Klamotten linkisch über einen Haken wurschteln, das neue Teil anziehen, raustreten und in einen Spiegel schauen. Alle anderen Anwesenden im Geschäft glotzen auch und begutachten unaufgefordert meine Wahl. Sucht euch gefälligst euer eigenes Hemd, ihr Affen. „Na, das passt doch“, sagt die Verkäuferin. „Im Prinzip schon…aber das sind doch keine Taschen“, sage ich und stochere demonstrativ mit meinen Fingern in den beiden fipsigen Brusttaschen herum. „Viel zu klein“, ergänze ich, „da bekomme ich doch keine Brille und keinen Kugelschreiber rein.“ Eigentlich kann man dieser fundierten Kritik nichts entgegensetzen. Irrtum. „Ich bitte Sie, das sind doch nur Accessoires“, sagt sie spitz. Offenbar bin ich einer der Letzten einer aussterbenden Spezies, die in die Taschen ihrer Hemden etwas hineinstecken möchte? Wie pervers bin ich denn? „Accessoires?“, frage ich noch mal nach. „Nur Accessoires“, spricht sie noch einen Hauch französischer, „eine Zierde.

Wenn überhaupt was reinstecken, dann nur für Kleinigkeiten.“ Zum Beispiel?“, will ich wissen. Sie holt tief Luft: „Nun, also…“. „Büroklammern?“, unterbreche ich sie, „oder vielleicht einen Hustenbonbon?“ Sie flötet gereizt: „Wie Sie meinen.“ Ich gebe nicht auf: „Hat nicht der Erfinder der Brusttaschen sie genau deswegen erfunden, damit man etwas hineinstecken kann?“. „Dafür gibt es ja Rucksäcke“, antwortet sie spitz. Ich kontere: „Wer trägt denn seine Brille im Rucksack?“. „Ich brauche keine Brille.“ „Sie sollen das Hemd ja auch nicht kaufen“, entfährt es mir. Ihre Lippen werden ganz schmal. „Schauen Sie“, sage ich, zeige auf die beiden großen Taschen auf meiner Brust und mime den Crocodile Dundee, „das ist ein Hemd! Da geht alles rein. Links Brille und FFP2-Maske, rechts Kugelschreiber, Filzschreiber und Diktiergerät.“ „Und der Regenschirm? Kein Platz mehr?“, fragt sie giftig. Angefixte Frauen können richtig witzig sein.

App, App, hurra!

Ganz einfach doof in den Wald gehen und die Seele baumeln lassen, das war gestern. Nachdem mich eine Bekannte gefragt hatte, wie viele Kilometer ich denn täglich laufe und ich nur „Ich glaub, so etwa…keine Ahnung“ geantwortet habe, und sie einfach nicht begreifen konnte, dass ich das nicht wusste, wurde mir bewusst: ich bin out. Ehrgeizig wie Theresa ist, ließ sie auch nicht locker, wollte es unbedingt von mir wissen. Mir ist eigentlich wurscht, wer in welcher Zeit wie viel Kilometer läuft, diese stressige Phase meines Lebens habe ich hinter mir. Schien mir jedenfalls. Aber meine Neugier war geweckt. „Wie viel Kilometer läufst du alter Sack denn nun eigentlich wirklich, hä? Sag, sag! Was glaubst du, hä?“, hörte ich meinen hässlichen Gollum in mir fragen. „Sicher viel weniger als du Angeber denkst“, zischelte er. Schweig, alter Giftzwerg!

Ich schaute in meinem App-Store nach, was dort an sportmedizinischer Unterstützung angeboten wurde und entschied mich für eine App. Dank ihr weiß ich nun, dass ich heute 6, 33 Kilometer in einer Stunde und 23 Minuten (inkl. 6 Minuten Pause) walkte, davon 13:07 Minuten für einen Kilometer benötigte, mit einer durchschnittlichen Schrittlänge von 0,89 cm, dabei 377 Kalorien verbrauchte, 8345 Mal Luft geholt habe, 0,97 Liter Wasser verlor, drei Körpergasabfuhren hatte und einen Abrieb meiner Laufschuhsohle von 0,37 Millimeter verzeichnete.

Meine Gedanken galten mit 29 Minuten Anja Taylor-Joy, 19 Minuten meinem Rücken, 7 Minuten meinem Knie, 5 Minuten meiner Arbeit und drei Minuten meiner Blase. 3,72 Kilometer meiner Laufzeit habe ich auf meine Fußspitzen geschaut, 1,86 Kilometer auf Bäume, 0,35 Kilometer auf Weiden und Kühe und 11 Sekunden auf eine junge Joggerin. Der Rest meiner Blicke ging ins Nichts. Ach, und mein ökologischer Fußabdruck war 26,55 cm. Ist es nicht eine grandiose Errungenschaft, dass man das nun alles endlich weiß?

Donnerwetter

Unvorstellbar, es gab mal Zeiten, da schaute man aus dem Fenster, checkte kurz die akute Wetterlage und verließ unbekümmert seine Wohnung. Regnete es, griff man sich einen Schirm oder eine Jacke mit Kapuze, regnete es nicht, ließ man das Wetter einfach auf sich zukommen.

Wetter, das war die launische Unbekannte, auf die man sowieso keinen Einfluss hatte, und über Dinge, die man nicht beeinflussen kann, muss man sich keine Gedanken machen. Punkt! Das lernte jeder Student im 1. Semester Psychologie. Manche hielten sich einen grünen Frosch im Glas, in dem sich eine kleine Leiter befand. Hüpfte der Frosch daran hoch, gab´s gutes Wetter, hockte er unten, blieb das Wetter schlecht. Eine solch tierquälerische Art der Wetterlagenermittlung mittels einer eingesperrten Amphibie, würde aktuell sofort den Einsatz eines Sonderkommandos von PETA zur Folge haben.

Zwar gibt es bis heute noch den Wetteronkel oder die Wettertante im Fernsehen, die uns pünktlich nach den Nachrichten wie ein Erdkundelehrer, anhand von bekritzelten Landkarten von freundlichen Hochs und grimmigen Tiefs künden, längst aber verfügt doch jeder über eine Wetter-App auf seinem Handy, ohne deren Information er niemals das Haus verlassen würde. Die ganz Cleveren haben sich „Regenradar“ runtergeladen und wissen genau, dass sie exakt zwischen einem klar erkennbaren Wolkenband im Zeitfenster zwischen 14:33 Uhr und 15:09 Uhr trocken zum Supermarkt hin – und zurückkommen. Gestern trat ich mit meinem Sohn aus dem Haus. „Es gibt gleich Regen“, sagte ich. „Bist sicher?“, fragte er. „Hab auf den Himmel geschaut.“ Seine Augen leuchteten. „Cool, die App will ich auch.“

Unfähig

Als Gott die Begabungen verteilte, war ich kurz mal auf´m Klo. Wie ich wieder zurück kam, hatte er das Handwerkstalent komplett vergeben. Zur Auswahl standen noch Musik, Mathematik und Kunst. Ich entschied mich für Letztere. „Arme Sau“ hörte ich jemanden sagen. Ich ahnte nicht, wie recht er hatte. Seit dieser Stunde laufe ich als verhöhnter Außenseiter durch mein Leben. Von Werkzeug bekomme ich Allergien, in Baumärkten wird mir schlecht und beim Blick auf einen Motorblock schwindelig. Mein Leben lang bin ich von Handwerkern abhängig. Als Freunde tolerieren sie mein Unvermögen sanftmütig: „Jeder kann halt seins“.

Sind mir welche allerdings professionell zu Diensten, wittern sie meine Ahnungslosigkeit und ziehen mich über den Tisch. Nun gut, in meiner Zeit in einer Buchdruckerei hatten wir ja auch einem gutgläubigen Kunden eine verschnittene Auflage Prospekt als „neues, englisches Format“ verkauft. Er hat´s tatsächlich geglaubt. Im unmoralischen Umgang mit einem Unwissenden sind wohl die meisten Fachleute gefährdet, speziell kurz vor Feierabend. „Scheiß drauf, sieht doch keiner. Der schon gar nicht.“ Aktuell punkte ich bei den Frauen damit, dass ich Kreissägen und Kantenschneider hasse: „Hab wohl einen großen Anteil Weiblichkeit in mir.“ Das kommt an. Als ich aber letztens einer guten Freundin durch eine dumme Fehlbedienung den Rasenmäher kaputt gemacht habe, schrie sie mich an: „Und du willst ein Mann sein?“ Mit einer zarten Federzeichnung und einem poetischen Vierzeiler konnte ich sie leidlich versöhnen.

Wesen

Kaum mache ich mal ein Fenster auf, um zu lüften, schon ist eine Fliege in meinem Zimmer. Ich kann sie gut verstehen, draußen ist es kalt, nass und windig, bei mir drinnen ist es warm, trocken und gemütlich. Aber wer bezahlt das alles? Die Heizkosten steigen, Strom wird auch nicht billiger, abgesehen davon, dass sie alles sauber vorfindet. Ich sehe, wie sie es sich auf der Armlehne meines Sofas gemütlich macht und sich putzt. Ich hab nicht meine Brille auf, aber das kann ich noch sehen: sie streckt sich und gähnt. Hätte ich einen Untermieter gewollt, hätte ich das gesagt. Da fällt mir plötzlich ein, dass meine Mutter davon überzeugt war, dass in so einer kleinen Kreatur die Seele eines geliebten Menschen steckt. „Papa? Bist du´s?“, frage ich die Fliege leise und lege ihr ein winziges Stück von meinem Nussriegel auf die Lehne, den mein Vater immer so gerne gegessen hat. Sie stürzt sich drauf. Er ist es!!

Schande Mann

Eine alte Freundin schrieb mir, ihre Ehe sei zerbrochen, ihr Mann war nicht mehr zu ertragen. Despotisch und stumpfsinnig. Ich war erschüttert. Beim Spaziergang traf ich eine Frau mit einem Hund. Kenne sie nur von unseren gelegentlichen Begegnungen und frage freundlich nach, wie es denn ihrem sympathischen Mann ginge, der sonst immer mit dabei war. Wir sind getrennt, sagt sie, genug ist genug. Er möge verrecken. Sie hätte jetzt von Männern gründlich die Schnauze voll. Ich war sprachlos. Und dann auf Facebook, Ulrike die Gute postete ein zertrampeltes Foto von ihrem Benno. „Fahr zur Hölle!“, stand drunter. Ich konnte es kaum fassen. Gestern kam Lea zu Besuch. Im Laufe des Gespräches fragte ich sie fröhlich nach Jens. „Jens?“, fauchte sie, „Toxisch, hoch toxisch“. Sie hätte sich von diesem Bastard befreit und konzentriere sich jetzt mit allen Sinnen auf ihre Weiblichkeit. Ich gehe ab morgen nur noch als Frau verkleidet auf die Straße.

Gefordert

Ich lese: „Neurologen entdecken neuerdings die Pflanzenwelt für sich.“

Wissenschaftler müssen überall ihre Nase reinstecken, nun haben sie also entdeckt, dass Pflanzen sprechen können. Neu ist das Thema nicht (mein Benjamini ist die reinste Plaudertasche), aber die Natur liegt halt halt im Trend. Überlagert wird in meinem häuslichen Alltag das tägliche Geplapper aus den Blumentöpfen und Vasen allerdings von viel dominanteren Nervensägen. Kaum bin ich morgens ins Bad geschlurft, quatscht mich die Klorolle an, dass sie nur noch drei Blätter hat und der Spiegel will, dass ich ihn putze. Bin selber noch nicht gewaschen und befriedige als Erstes die Eitelkeit eines Wandspiegels, so weit kommt´s noch. In der Küche geht das gnadenlos weiter. Das Geschirr in der Spüle plärrt, warum es noch nicht abgewaschen ist und die vier leeren Bierflaschen wollen unverzüglich in ihren Kasten zurückgebracht werden. Wo ich auch hinsehe, täglich werde ich von irgendwelchen Dingen angemacht, die irgendetwas von mir verlangen. Besonders hartnäckig ist das Bild, was seit Monaten in der Diele auf dem Boden steht. „Häng mich endlich auf!“, schreit es. Widerlich. Ich möchte einmal entspannt durch meine Wohnung gehen, nur ein einziges Mal, ohne dass mir irgendwer ein schlechtes Gewissen macht. Meine Geduld hat auch Grenzen. Vorhin zickte mich der Müll an, warum ich ihn nicht nach draußen bringe, er sei hier ja wohl nur der letzte Abfall? Also, auf die Befindlichkeit von einem Psycho habe ich ja nun überhaupt keinen Bock. „Geh doch selber!“ hab ich ihn angebrüllt. Da hat er vielleicht blöd aus ´m Eimer geglotzt.

Erkundigung

Ein Blick auf die Wetter-App macht mich froh. Endlich mal wieder Unwetter, endlich ist Sturm mit Orkanböen angesagt. Draußen dröhnt die Naturgewalt, die Böen zerren an meinem Haus und lassen die Ortgangbleche am Dach scheppern. Die Bäume biegen und schütteln sich und selbst das letzte, hartnäckige Herbstblatt muss jetzt aufgeben.

In unserer Straße entwurzelt sich eine Birke. Ich schaue sorgenvoll auf die alte Apfelbaum-Oma in meinem Vorgarten, aber die knorrige alte Dame hat schon alle Unwetter überlebt, wird wahrscheinlich auch mich überleben. Kaum ist der Sturm vorbei, erklärt sich, warum ich diese Naturgewalt so liebe: plötzlich melden sich nämlich alte, oftmals verschollen geglaubte Freunde und fragen nach Jahren einfach mal so unverbindlich nach: „Alles gut bei dir?“ Ja, sie hätten da in den Medien gelesen was da oben im Norden abgegangen ist und – Bing! – hätten sie irgendwie plötzlich an mich gedacht. Was wird wohl der Butschi machen? Mensch, ruf ihn doch mal an.

Diese sensationsgeilen Schweinebacken wollen doch nur hören, dass mir mein Dach weggeflogen ist und ich mich im Unterhemd in den Orkanböen an meine Habseligkeiten klammerte. Stoff, den man wunderbar im Freundeskreis verbreiten kann. Bei der Gelegenheit möchten sie auch gleich hören, wie es mir denn sonst so geht? Rücken? Cholesterin? Zucker? Gedächtnis? So weit alles im grünen Bereich? Ich äußere mich zufrieden und dankbar, weiß aber nicht, ob sie das zufriedenstellt, denn im Vergleich zu ihnen stehe ich offenbar noch ganz gut da. Als ich an ihrer Stimme merke, wie sie das quält, erzähle ich ihnen von meiner nachlassenden Sehkraft und partiellen Nackenverspannungen – und schon, ich spüre es, geht es ihnen etwas besser. Einem Freund aus Bayern habe ich sogar gebeichtet, dass ich nur noch fünf Mal die Woche Sex habe. „Du Armer“, meinte er dazu. Klang irgendwie nicht glaubhaft.

omw

Cherry, die junge Tochter einer Bekannten aus meinem Ort, wollte sich etwas von mir abholen und per WhatsApp wissen, ob ich zu Hause sei. Ich antwortete ihr: „Ja, kannst kommen.“ Daraufhin sie: „omw“. Zugegeben, im Netzjargon bin ich nicht ganz perfekt, kenne aber sehr wohl „omg“, ein Akronym für „oh my god“, auf gut Deutsch „Oh mein Gott!“, ein Ausruf des Entzückens oder Entsetzens gleichermaßen. Wie oft hat man den selber schon im Leben ausgestoßen.

In jungen Jahren haben das angesichts meiner Person in Badehose die hübschesten Mädchen geschrien, allerdings weil ich so dünn war. „LoL“, korrekt „Laughing out Loud“, ist mir aus dem Netzjargon auch noch ein Begriff und bedeutet so viel wie „Ich lache laut“. Dieses LoL habe ich immer gerne gemocht, „omw“, wie gesagt, sagte mir aber erst mal gar nichts. Ich vermutete, Cherry wollte mir vielleicht „okay man, wonderful“ sagen?

Damit ich besser vorbereitet war, also cooler auf Cherrys Botschaft reagieren konnte, habe ich mich zeitgleich an Judith, die Freundin meines ältesten Sohnes gewandt, und sie gefragt, ob sie wüsste, was „omw“ bedeutet. Und „gsd“, also Gott sei Dank, antwortete sie mir auch sofort auf WhatsApp: „omw“ heißt „on my way“, schrieb sie. Aha! Cherry wollte mir also sagen, sie sei bereits unterwegs zu mir. Gut, hab ich wieder was gelernt. Und tatsächlich stand sie fünf Minuten später vor meiner Tür. „Wusstest du denn, was „omw“ bedeutet?“, fragte sie mich verschmitzt. Diese lästerliche Frage konnte ich, gut vorbereitet wie ich war, cool mit „Na, „on my way“, was sonst?“ kontern. Als ich dann noch breit grinsend „LoL“ sagte, war sie platt.

Als sie wieder fuhr, schickte ich ihr, so richtig auf den Geschmack gekommen, noch eine WhatsApp hinterher: „gwh“. Ich wusste nicht, ob sie wusste, dass ich damit „good way home“ meinte, nachgefragt hat sie jedenfalls nicht, sie wollte sich sicher keine Blöße geben. Übrigens, meinem zuständigen Finanzamt, das mich auf die unverzügliche Abgabe meiner Umsatzsteuererklärung hingewiesen hatte, habe ich gleich danach mit „LmaA“ geantwortet. Wenn sie beleidigt nachfragen, erkläre ich ihnen das gerne: „LmaA“ bedeutet „Love me as-soon as“, ein Akronym für „Liebt mich so bald wie möglich“. Na, da haben sie was zum Knabbern. Zeit haben sie ja.

Zum Totlachen

Ich scheue mich, es ihnen ins Gesicht zu sagen, aber sie haben sich verändert. Wenn ich sie früher besuchte, sprachen wir über alles, nur nicht über Krankheiten. Die hatte man nicht oder sie spielten keine Rolle, weil das Leben einfach schöner war. Heute liegen bei ihnen Salben und Säfte herum, in den Schubladen wimmelt es von Medikamenten und auf der Vitrine, wo früher der Aschenbecher stand, steht jetzt das Blutdruckmessgerät. Ich erfahre ihre neuesten Cholesterin- und PSA-Werte, alles über ihr Gewicht und den Zustand ihrer Gelenke, ich weiß nun, was sie nicht mehr essen oder vergessen und zu welchem Arzt sie gerne, oder weniger gerne gehen. Prahlt er mit seiner Arteriosklerose, wirft sie ihre Osteoporose in den Ring, gibt sie stolz an, vier Mal nachts auf die Toilette zu gehen, geht er fünf Mal. Sie zeigen mir ihre neuesten Rückenübungen und was man alles gegen Verstopfung tun kann. Wir sehen gemeinsam Videos von ihren liebsten Physiotherapeuten und über das Wunder der Nahrungsergänzungsmittel.

Habe ich endlich alles über ihren akuten Gesundheitszustand erfahren, gehen wir die neuesten Herzinfarkte, Hirnschläge und Schlaganfälle in ihrem Umfeld und Bekanntenkreis durch. In der Regel sind auch immer zwei oder drei völlig unerwartete Todesfälle dabei. Meinen zaghaften Versuch, ihnen von meinem steifen Nacken zu erzählen, kontern sie mit ihren kaputten Hüften. Am Ende meines Besuches spazieren wir immer noch ein bisschen über den nahegelegenen Friedhof und besichtigen ihre zukünftige Grabstelle. Letztes Mal baten sie mich um Beratung in Sachen Inschrift. Ich schlug ihnen „Erfolgreich gestorben“ vor. Sie wollten das noch mit ihrem Psychotherapeuten diskutieren.