Schmeckt´s denn?

Theorie ist der Träumer, die Praxis die Realität. Sie offenbart gnadenlos alle Irrtümer und Selbstüberschätzungen und bringt Illusion und Wahrheit oft schmerzhaft ins Gleichgewicht. Will sagen, so lange man etwas nicht selber erfahren oder getan hat, kann man es viel weniger beurteilen.

Zum Beispiel die Sache mit dem Kochen. Aufgewachsen bin ich mit einer Mutter, die Haushalt und Kinder klaglos gemanagt hat und ihre Familie täglich selbstverständlich frisch bekochte. Ihre leckeren Mahlzeiten schmecke ich noch heute. Leider hat sie viele ihrer Rezepte mit ins Grab genommen, weil ich in jungen Jahren an völlig anderen Sachen interessiert war, als an handgeschriebenen Zutaten mit Zubereitungsvorgaben. Als hungriger Konsument erhielt ich jeden Mittag von „Mutti“ einen dampfenden, randvollen Teller vorgesetzt und aß mich lustvoll schmatzend satt, bis kein Happen mehr in mich reinging. Wie und wann und mit welcher Liebe sich meine Mutter ihren vielseitigen Speiseplan ausgedacht, was sie ständig alles an Zutaten die drei Stockwerke hochgeschleppt hatte, wie viel Arbeit ihre köstlichen Gericht brauchten, was sie danach alles abwaschen und wieder in die Schränke zurückstellen musste, darüber habe ich nie nachgedacht.

Mein Mund war schließlich zum Essen da und nicht um Fragen zu stellen oder mich zu bedanken. Dieser tägliche Service war für mich Naturgesetz und ihre obligatorische Frage „Schmeckts denn?“ habe ich eher als nervig empfunden, immerhin anstandshalber aber mit „Ja-ha“ beantwortet. Damit gab sie sich zufrieden, ich sah es an ihren geröteten Wangen. Nur einmal hatte ich ihr mit „Die Kartoffeln waren ein klein wenig zu salzig“ geantwortet. Daraufhin war sie den Tränen nah, riss sich die Schürze runter und schrie: „Dann sucht euch doch eine andere!“ Ich konnte sie nur mit Mühe davon abhalten, vom Balkon zu springen. Müßig zu erwähnen, dass ich sie fortan nie wieder kritisiert habe. Gab allerdings auch nie wieder einen Grund.

Und heute nun koche ich selber. Gerne sogar. Schnüffle nach neuen Rezepten, besorge die Zutaten, schnipple, schäle, schneide, hacke, würfle, siebe, rühre, quirle, überwache meine brodelnden Kochtöpfe und Pfannen bis zum endgültigen Finale – und tische meiner Familie oder meinen Freunden geschwitzt aber glücklich auf. Irgendwann zwischen dem Klappern von Messern, Gabeln, Porzellan und Kauknochen kann ich mich nicht mehr beherrschen, bricht die Sehnsucht nach einer bescheidenen Geste der Dankbarkeit für meine hingebungsvollen Kochkünste und körperlichen Aufwendungen – von den Investitionen mal ganz abgesehen – haltlos aus mir heraus: „Schmeckt´s denn?“ In der Regel erhalte ich auf diese offensive Nachfrage ein höfliches, leicht pikiertes „Ja-ha“. Letztens aber meinte mein Ältester „Die Nudeln hätten etwas mehr Biss haben können.“ Ich hab mir sofort die Schürze vom Leib gerissen und gebrüllt: „Dann sucht euch doch einen anderen!“ Am Brückengeländer hat man mich dann wieder eingefangen.

Erfolgsschiene

DB MOBIL heißt das Magazin und liegt in jedem Zug der Deutschen Bahn kostenlos für die Fahrgäste aus. Es ist mit seinem Mix aus Schönheit, Kultur und Business eher für eine begüterte Klientel als für Sozialhilfeempfänger gedacht. Die sitzen höchstens in der 2. Klasse oder hocken im Gang. Das DB MOBIL spricht Menschen an, die im schneidigen ICE 4 mit Tempo 300 vor einer Pasta mit Gemüsebolognese von einem erfolgreichen Meeting zum anderen rasen und Ziel und Sieg als Mantra ihres Lebens propagieren, so wie Leon Goretzka (Fußballspieler), Mann mit „Muskeln, Statur und Mut“, der auf dem Titel „Ich will Chef sein“ sagt. Katharina Witt „kann auch loslassen, aber erst am Ziel“, Madonna hatte immer das Ziel „Ich will die Welt regieren“ und Fahri Yardim ist „ein Gewinner“. Wie bescheiden wirkt da doch der Traum eines normalen, bahngeschundenen Reisenden nach einer pünktlichen Beförderung von A nach B. Aber dazu lässt man Norbert Blüm höhnen: „Wir treffen uns in Siegen und nicht in Klagenfurt oder Jammerfels.“ Nächste Woche will ich mit der Bahn von Niebüll nach Passau. Es wäre mein dreißigster Versuch, ohne Anschlussprobleme am Ziel anzukommen. Wir treffen uns wieder in Kotzbach?

Wie schön ist der denn?

Man nennt ihn „Ruhestand“, den ersehnten Zeitpunkt, ab dem man nicht mehr um 6 Uhr morgens bei Wind und Wetter aus dem warmen Bett muss, um in vollen Verkehrsmitteln und auf ebensolchen Straßen mit müden Menschen gemeinsam zur Arbeit zu fahren. Aber, wie ich beobachtet habe, wirklich ruhen tut keiner von denen, der diesen „Ruhestand“ erreicht hat, im Gegenteil, er wendet sich jetzt nämlich intensiv einem Objekt zu, das ihm von Geburt an bekannt ist, für das er aber in Anbetracht anderer Dringlichkeiten, wie Sex, Alkohol und Schweinshaxen, viel zu wenig Zeit hatte: seinem Körper. Plötzlich entdeckt er Organe, von denen er vorher gar nicht wusste, dass er sie hat. Er identifiziert Gliedmaßen, Muskeln, Haut, Fältchen, Flecken, Schwellungen, Verfärbungen, die ihm erst mal fremd vorkommen, nun aber seine ganze Aufmerksamkeit erhalten.

Plötzlich empfindet er Schmerzen, die während seines Arbeitslebens keine Chance hatten, auf sich aufmerksam zu machen. Schon mit dem Aufwachen steuert er mit Augenmuskelübungen, Dehnungen, Streckungen und Salbungen dagegen an. Anschließend holt er Berge von Prospekten aus seinem Briefkasten, Angebote von fürsorglichen Medikamentenherstellern, die ihre aus dem Wunder der Natur gewonnenen Nahrungsergänzungsmittel preisen und ihm Erlösung, zumindest Erleichterung jedweder Leiden versprechen. Für ihn auch ein Wunder, woher die wussten was gut für ihn ist und vor allem seine Adresse hatten. Auch auf YouTube strecken und dehnen ihm jetzt körperkundige Physiotherapeuten etwas vor und lockern seine Faszien und Sehnen. Endlich gelingt ihm beim Autofahren wieder der „Radfahrerblick“ und er kann sich ohne fremde Hilfe sein Gesäß kratzen. So schön hatte er sich den Ruhestand nicht vorgestellt. Sehr schade eigentlich, dass er erst im Alter kommt.

Auf der Strecke geblieben

Wenn du das liest und dich wiedererkennst, dann melde dich mal. Will wissen, wie es dir geht und wo du die letzten Jahrzehnte geblieben bist, aber vor allem: Wo damals? Du erinnerst dich? Wolltest von West-Berlin zu mir ins Bergische Land trampen. Handys gabs noch nicht, also konnte ich deine Anreise nicht verfolgen. Jedenfalls habe ich mich auf dich gefreut wie auf Weihnachten.

Du, ein Geschenk, eine klasse Frau, jung, schön, klug. Wir kannten uns flüchtig, du warst mit einem Freund von mir zusammen, aber dann nicht mehr. Also freie Bahn für eine neue Liebe. Genau die wollte ich für dich sein. Dass du zur Grenze bist, um einen Lift nach Westdeutschland zu bekommen, das hattest du mir noch am Morgen am Telefon erzählt. Danach habe ich alle Zimmer gesaugt, Staub gewischt, den Boden gewienert, das Bett frisch bezogen, Wein, Bier, Kerzen, Blumen und Leckereien gekauft, Essen vorbereitet, mich geduscht, rasiert, geföhnt und mir komplett saubere Klamotten angezogen. Sogar den Hund und die Katze habe ich gebürstet und gepudert.

Danach saßen wir alle drei auf dem Sofa und haben gewartet. In meiner Phantasie sah ich dich zügig vorankommen, ein so hübsches Mädchen steht nicht lange. Ab 17 Uhr lief meine Phantasie Amok. Gegen 19 Uhr fing ich an Fingernägel zu knabbern. Gegen 21 Uhr lief ich wie ein Raubtier im Käfig hin und her und wollte die Polizei anrufen. Gegen 23 Uhr war ich halb besoffen vor Sorge – aber auch vom vielen Kummerbier. Um Mitternacht bin ich mit Kater und Hund ins Bett. Die waren überglücklich, das durften sie nämlich sonst nie. Das Telefon auf meinem Nachtisch schwieg die ganze Nacht, auch am nächsten Morgen und auch am nächsten Tag – und alle weiteren.

Nur meine Mutter rief mal an. Ich hab dich nie wieder gesprochen. Jahre später erfuhr ich, dass du auf der Strecke zu einem Typen in eine Ente gestiegen bist und mit ihm direkt weiter nach Paris. Es muss voll gefunkt haben. Gegen Paris war ich natürlich chancenlos. Erzähl mir, bitte? War er die große Liebe? Hast du ihn geheiratet? Mit ihm in Paris eine 2CV-Werkstatt, ein Café, einen Salon eröffnet? Hattest mit ihm Kinder? Bist reich und glücklich geworden? Oder arm und verbittert? Hat er dich geliebt oder geschlagen? Dich gar ermordet? Dann bist du entschuldigt.

 

Wo ist Roy?

Wo ist Roy?“, brüllt einer. Woher soll ich wissen wo Roy ist? Ich habe nicht die geringste Ahnung und warum brüllt er so, es ist doch schon alles viel zu laut. Schon wieder: „Wo verdammt, ist Roy?“ Ein Höllenlärm. Geht das nicht wirklich ein bisschen leiser, das will ich gerade fragen, da höre ich eine sich überschlagende Stimme: „Fuck, das war nicht alles, die kommen wieder! Die kommen wieder! Das war nicht alles! Sicher du die rechte Flanke!“ Was soll ich flanken? Was soll ich sichern? Warum ich? „Verdammt, wann kommen die F16? Wenn man die Jungs mal braucht, liegen sie bei Mutti!“ „Wo ist Roy?“ „Siehst du den Schatten auf 43 Grad?“ „Ich sehe dich, Bastard, komm nur, komm.“

Hört mal Leute, immer einer nach dem anderen, was ist das überhaupt für ein aufgeregtes Durcheinander, geht das nicht echt ein bisschen leiser, mein Kopf dröhnt schon. „Auf neun Uhr nähert sich ein Pick-Up! Seht ihr den?“ Ich sehe nix, bin völlig überfordert, das ganze Gebrüll strengt mich wahnsinnig an. Wie bin ich da überhaupt reingekommen? „Hast noch´n Magazin für mich?“ Was willst du? Ich hab jetzt keine Lust, um diese Zeit nach einem Magazin zu suchen, wenn du lesen willst, dann kauf dir eins. Mir ist das alles jetzt zu viel, viel zu viel. „Roy hat´s erwischt! Fuck, Roy hat´s erwischt!“, schreit einer. „Bringt ihn runter, bringt ihn runter!!“, schreit ein anderer. „Was machen wir in diesem verfickten Libanon?“, brüllt jemand.

Mein Kopf hämmert langsam unerträglich. Libanon? Was weiß ich denn? Warum seid ihr nicht nach Mallorca? Diese Hektik, dieses ständige Gebrülle und Gequatsche, das Geratter von irgendwelchen Maschinenpistolen. Ja, bin ich denn auf einem Schießstand? „Scheiße, die zweite Welle, Sie kommen!“ „Herzlich willkommen, ihr Bastarde!“ „Komm ins Bett!“ Hä? Wer spricht? Wohin soll ich kommen? Ins Bett? Hört sich verdammt an wie die Stimme von Stefanie. Was macht denn meine Frau hier in dem Kampfgetümmel? „Wie geht´s Roy?“ brülle ich.

„Hey, hey, sach mal…nicht so laut, ich bin doch nicht taub“, sagt Stefanie – und dann Stille, erlösende Stille. Wie hat sie das gemacht? Oh – sie hat den Fernseher ausgeschaltet? Lieber Gott, ich danke dir. „Du und deine beknackten Actionfilme, jetzt komm ins Bett“ höre ich sie fürsorglich sagen. „Verdammt, ich bin doch echt eingeschlafen“, brabbele ich verstört, kratze mir meinen dröhnenden Kopf und erhebe mich stöhnend vom Sofa. „Erzähl mir was Neues“, sagt sie und geht zurück ins Schlafzimmer. Ich folge ihr benommen. Eine diffuse Sorge um Roy begleitet mich noch bis ins Bett.

Gratuliere!

Er öffnet die Tür und starrt mich noch völlig verschlafen an. „Mann, es ist kurz nach acht Uhr, wer bist du denn?“ Ich trete höflich aber energisch in seine Wohnung. „Junge, hier sieht´s ja aus“, sage ich und schiebe mit dem Fuß eine Socke zur Seite. Er gähnt und glotzt mich ungläubig an. „Du bist doch mein Facebookfreund“, sage ich feierlich, „und hast heute Geburtstag, oder ist das falsch?“ Er kratzt sich die Brust und grummelt „Ja, schon, aber….“. „Na, dann, herzlichen Glückwunsch“, jauchze ich und schließe ihn in meine Arme, „ich dachte, komm mal rechtzeitig, da freut er sich.“ „Hä?“, fragt er und kratzt sich seine Bartstoppeln. „Nicht kratzen, waschen“, bemerke ich vergnügt. Er brummt unverständlich. „Hilf Timo, heute seinen Geburtstag zu feiern, das stand heut morgen bei mir auf Facebook, mein lieber Freund. Und hier bin ich!“, rufe ich fröhlich. „Bitte?“, fragt er immer noch leicht verwirrt. Ich zeige auf meine Tasche. „Hab alles dabei“, sage ich, „Girlanden, Kerzen, Nudelsalat und ´ne leckere Nachspeise.“ „Ich wollte doch gar nicht feiern“, stammelt er. „Na, na, nicht so bescheiden“, sage ich und mache mich auf in Richtung Küche, „hab auch ´ne hübsche Tischdecke dabei.“

Brot und Quizshow

Was ist die Volksdroge Nummer Eins? Zucker? Falsch. Alkohol? Falsch. Sex? Ganz falsch. Die Antwort ist: Unterhaltung. Schon die alten Römer kannten das Volksablenkungskonzept „Brot und Spiele“. Gebt ihnen ein leckeres Ciabatte und einen Platz im Kolosseum, schon sind sie glücklich und regen sich nur noch auf, wenn es nicht spannend genug ist. 1900 Jahre später haben wir dafür Fußballstadien, aber der größte Spielplatz ist das Fernsehen. Dort werden ständig „Superstars“, „Supermodels“, „Superdancer“, „Superköche“ oder „Supersportler“ gekürt, fressen angeschimmelte Promis im Dschungelcamp Raupen, baggern in Kuppelshows Bachelors unverhohlen um willige Weibchen oder Bacheloretten um scharfe Männchen, suchen einsame Bauern ein Schweinchen und Bäuerinnen die richtige Sau. Die Kamera begleitet alle, Auswanderer und Einwanderer, auch Gerichtsvollzieher und Kammerjäger, Zivilstreifen und Rollkommandos, Goldsucher und Erbschleicher, Häuslebauer und Nestbeschmutzer, Zuhälter und Geheimdienstler, chronisch Verstopfte und latent Inkontinierte, Schwanzvergrößerer und Magenverkleinerer, filmt Operationen, Geburten, Unfälle, Tote, Halbtote, Taubenzüchter, Hundetrainer, Bodytrainer, kraucht in die dunkelsten Nischen unserer Gesellschaft, filmt Alkoholiker, Adipöse, Magersüchtige, Depressive, Drogenabhängige, Harzvierer, Minijobber, Schwarzarbeiter, Heimbewohner, all die Außenseiter, Verlierer, Verlorenen und Abgeschobenen unserer Gesellschaft.

Auf der Suche nach immer neuem Futter für die ablenkungshungrige Masse sind längst alle Tabus gefallen, ist jede Scham und Würde verloren gegangen, haben Voyeurismus und Häme Einzug gehalten, erschaudern die Zuschauer vor dem Blick in die Leprakolonie und sind froh, dass sie noch alle Finger haben, mit denen sie auf sie zeigen können. Unser Fernsehen ist ein abgrundtiefer Schlund medialer Verkommenheit. Aktuell boomen Quizshows auf allen Kanälen. Alle Moderatoren/innen die leidlich vorlesen können, moderieren eine. Als Kandidaten/innen fungieren dominant das rastlos von Studio zu Studio springende Rate-Pack: Günter Jauch, Barbara Schöneberger, Thomas Gottschalk. Bereit? Dann hier die Frage: Wofür halten die deutschen Fernsehsender ihre Zuschauer? 1. Für Einzeller, 2. Für Affen, 3. Für Simpel, 4. Für evolutionären Schrott. Bis zu vier Antworten sind richtig. Nächste Woche „Sodom und Gomorrha“: das Internet.

Der Gott des Gemetzels

Anfangs war es noch ein ganz normales Geburtstagsfest, es gab warmes Essen, anschließend Kaffee und selbstgebackenen Kuchen. Die älteste Eingeladene war Oma Ute, die jüngste Lotta, das Baby von Leonie, dazwischen mischte es sich altersmäßig. Bis zum Thema Hochbeet und Laktose-Intoleranz war alles noch friedlich, dann aber erhob sich Sönke, der Gastgeber, und hielt eine kleine Rede, in der er Oma Ute explizit als „ältesten Gast“ begrüßte. Daraufhin warf Anna Lippmann-Pölz spitz „Gästin!“ ein. Horst Kurznagel, ehemaliger Bundesgrenzschützer im Ruhestand, rief daraufhin „Mensch, nun hör aber mal auf!“ dazwischen. Leonie war spürbar bemüht mit dem Hinweis auf ihre kleine Tochter „Schaut nur, wie süß sie mümmelt!“, die Stimmung zu befrieden, aber es war bereits zu spät. Anna Lippmann-Pölz hatte nämlich laut „Die Zeiten ändern sich, Herr Kurznagel!“ gerufen. Der verzweifelte Versuch des Gastgebers mit einem „Ich hab gestern meine zweite Impfung bekommen“, das Ruder herumzureißen, machte alles nur noch schlimmer. „Menschenversuche“ fauchte Onkel Paul und kassierte dafür von Frau Thomsen ein: „Ach? In der AfD?“. „Sie fahren wohl auch Elektroauto?“, ätzte Onkel Paul. „Faschist“, zischte Emma, die Tochter des Gastgebers.

Mit „Wir wählen dieses Mal Grün“, wollte die friedliebende Leonie ein anderes Thema anschneiden, was Simon zu der Bemerkung bewog, dass ein aufrechter Mensch heute nur Links wählen kann. „Ich hasse Sarah Wagenknecht“, zischelte Frau Obermoser. „Ich Markus Söder“ konterte Anna Lippmann-Pölz. „Ich Angela Merkel“ meinte Ruby Tiedenhub. Oma Ute hasste „Pflegeheime!“. „Isst hier etwa irgendjemand noch Schwein?“, warf jetzt Pia Sander unvermittelt ein, woraufhin Horst Kurznagel „Ich liebe Zigeunerschnitzel!“ bölkte. Oma Ute krähte: „Wir haben jedes Tier gegessen und kannten keine Allergien!“ „Sogar Negerküsse!“, ergänzte Herr Lutterberg, worauf Anna Lippmann-Pölz ihn als Rassisten beschimpfte.

„Tempo 100!“, schrie Emma unvermittelt in die Runde und Ruby hob ihr Glas und rief: „Es lebe das Matriarchat!“. Daraufhin sprang Herr Kurznagel mit einem gefüllten Schnapsglas auf und brüllte: „Ein Hoch auf den Sack des Weihnachtsmannes!“. Nun ging alles ganz schnell, Emma schlug ihm das Schnapsglas aus der Hand und Ruby schüttete ihm ihren Aperol-Spritz ins Gesicht. Anna-Lippmann Pölz verbiss sich in Kurznagels Wade, während Herr Lutterberg mit einem Baguette auf sie einschlug. Oma Ute hatte sich indessen mit der kleinen Lotta aus dem Getümmel auf die Terrasse zurückgezogen und fütterte das zufriedene Kind mit Nutella.

Schlafmütze

Meine Eltern fuhren jedes Jahr zu Silvester zu Freunden zum „Karpfen Blau-Essen“ und launigem Zusammensein. So sah ich meinen Vater ein Mal im Jahr mit roter Nase, einem roten Fes auf dem Kopf und in kurzen Hosen. Das war für diese Generation wie Karneval in Rio. Um diesem spektakulären Event beiwohnen zu dürfen, musste ich mich am 31. nach dem Mittagessen zum Schlafen hinlegen, um bis weit über Mitternacht wach bleiben zu dürfen. Diese Maßnahme erschien mir völlig widernatürlich, aber als Zehnjähriger war ich im Erziehungsverständnis meiner Eltern weisungsgebunden. Also lag ich am hellen Tag in meinem Bett und zwang mich zu schlafen.

Da ich mich in meiner Vorfreude auf den Abend natürlich überhaupt nicht entspannen konnte, konzentrierte ich mich darauf, mitzubekommen, in welchem Moment der Schlaf mein Wachsein überwältigt. Ich wollte wissen wie das funktioniert, wollte den Prozess begleiten, aber irgendwie bin ich immer vorher eingeschlafen. Noch heute beschäftige ich mich mit meinem Schlaf, vorrangig mit der Sorge, ich könnte nicht genug davon bekommen. Denn ohne genügend Schlaf bin ich nur halb so viel wert. Körperlich schlapp, geistig müde. Ausgeschlafen schlage ich Bäume und mein Geist lechzt nach intellektuellen Herausforderungen. Wie viel Schlafbedarf ist mir genetisch in die Wiege gelegt worden und was ist Einbildung? Vor langer Zeit las ich mal, dass Franz Beckenbauer mindestens acht Stunden Schlaf braucht.

Andere brauchen nur sechs Stunden oder kommen auch mit fünf aus. Politiker, speziell in Koalitionsverhandlungen, brauchen gar keinen Schlaf, dafür schlafen sie dann im Bundestag. Nun ist der Schlaf wohl der beste Freund aller ganzheitlichen Mediziner, in unserer leistungs- und erfolgsorientierten Gesellschaft allerdings ein Zeichen für Schwäche. So gesehen bin ich ein absoluter Versager, unter acht Stunden Schlaf bringe ich nämlich – wie gesagt – nur halbe Leistung. Außerdem leiste ich mir gerne noch ein Mittagsschläfchen. Ich verpenne also fast die halbe Zeit meines Lebens, bin schon im Kino, in der Schule und beim Sex eingeschlafen. Mein Arzt entdeckte keinen Befund. Bei meiner Größe braucht mein Blut halt länger bis zum Hirn, meinte er, und ich solle mich bei unerwünschter Müdigkeit einfach mal bücken, damit mir das Blut in den Kopf steigt.

Sieht immer komisch aus, wenn ich bei Besprechungen plötzlich aufstehe und kopfüber verharre, aber ist mir egal. Jeder meiner Versuche, mich in die erlauchte Riege der Minimalschläfer empor zu kämpfen, scheiterte fürchterlich. Als Beispiel möchte ich da vor langer Zeit einen Besuch beim Kölner Karneval erwähnen. Von Gründonnerstag bis Aschermittwoch durch, das war mein Ziel. Schon am Freitagabend konnte ich mich kaum noch auf den Beinen halten und Samstagnacht landete ich in polizeilicher Verwahrung, weil ich mich in ein Möbelhaus geschlichen hatte, um mich in der Schlafzimmerabteilung in tiefen Schlaf zu betten. Kurzum, ich bin eine echte Schlafmütze. Mir werden gerade die Lider schwer, sehr schwer….

Tretmaschinen

Ein Traum, ein Traum. Wir alle lassen jetzt unsere Dreckschleudern in der Garage und fahren nur noch Fahrrad – sorry, Bikes. Andere Länder machen es uns längst vor, Holland, Dänemark, alle schwärmen von Kopenhagen, offenbar ein Paradies der verkehrspolitischen Eintracht. E-Bikes, Trike-Bikes, E-Enduros, Mountainbikes, E-Mountainbikes, Trekkingbikes, Fatbikes, SUV-Bikes, Kompakt-Bikes, Gravel-Bikes, City-Bikes, Urban-Bikes, am Angebot mangelt es uns Deutschen wahrlich nicht.

Täglich wirft die boomende Fahrradindustrie ihre Produkte auf den Markt, unsere Städte, Wälder, Berge füllen sich. Sie sind nun überall, Männer, Frauen, Väter, Mütter, allein oder mit Kindern, Kindergärtnerinnen mit vollen Cargo-Bikes, Boten auf Racing-Bikes, Menschen auf den Weg zur Arbeit, sogar gebrechliche Omis und Opis heizen jetzt voll durchgestylt mit wehenden weißen Haaren auf ihren E-Bikes mit 40 km/H an dir vorbei. Nur die faule Jugend rollt auf E-Scootern. Wie Heuschrecken erobern die Biker die Natur, pflügen durch Wiesen, sägen durch Wälder, grippen auf Berge und rauschen um Seen.

Dieses neue Miteinander an rollenden Zweirädern braucht allerdings Regeln, Verständnis, Rücksichtnahme. Aber nicht im Land der Freiheit-durch-Tempo-Liebenden. „Your City. Your Bike. Your Business.“ wirbt ein Hersteller für sein SUV-Bike. Der Spruch könnte von der Autoindustrie sein, er klingt nicht nach Harmonie, sondern nach „Platz da! Hier komm ich!“. Und so geht´s auch zu auf deutschen Fahrradwegen, auf Bürgersteigen und Straßen. Jeder gegen jeden, wie auf der A2. Teure Tretmaschinen gegen billige ALDI-Räder. Jung gegen Alt. Ampelleugner gegen Schilderspießer. Eilige gegen Gemütliche. Rollstuhlfahrer, Rollatorschieber, Fußgänger und Blinde sind die Letzten in der Hierarchie auf unseren Straßen, sind verhasste Schikanen und Beschimpfungsopfer. „Ich fick dich, du alte Drecksau“, rief letzte Woche im Originalton ein wutentbrannter Fußgänger in Passau einem E-Biker hinterher, der ihn klingelnd von der „Heiliggeistgasse“ gedrängt hatte, weil er sich nicht schnell genug bewegt hatte.

Jeder kennt doch inzwischen jemanden, der mit seinem Fahrrad schon mal schwer zu Schaden gekommen ist, Armbruch, Beinbruch, Schlüsselbeinbruch, Beckenbruch, Schädelbruch, da draußen wird gebrochen, dass es nur so knackt. Im schlimmsten Falle sogar gestorben. So wie eine alte Freundin von mir vor Wochen in Krefeld bei einem Unfall mit einem anderen Fahrradfahrer ums Leben gekommen ist. Neu auch ist der Strafbestand der „Radlerflucht“. Viele schuldige, radelnde Unfallverursacher hauen einfach blitzschnell und wendig ab – sind spurlos verschwunden. Kein Kennzeichen, keine Identifizierungsmöglichkeit, da möchte man ihnen doch gerne ein gebührendes „Ich fick dich, du alte Drecksau!“ hinterherrufen.