Un/zufrieden

Dem Bauern ist es zu trocken, dem Urlauber zu nass, dem Audi-Fahrer zu langsam, dem Geizigen zu teuer, dem Professor zu doof, dem Spießer zu laut, dem Beamten zu viel, dem Pfarrer zu unmoralisch, dem Nackten zu kalt, dem Hypochonder zu krank, dem Kleinen zu hoch und dem Großen zu klein – die Menschen sind permanent unzufrieden. Schaue ich mich um, sehe ich es in den Gesichtern: Unzufriedenheit. Sie macht die Haut blasser, die Falten tiefer und die Münder schmaler. Kurzum, Unzufriedenheit macht hässlich. „Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.“ Allerdings wird sie allenthalben auch geschürt, Politiker benötigen sie für die Wahl, Frauen für ihr Wohlbefinden und die Wirtschaft für den Konsum. Eine Welt voller Zufriedenen wäre wahrscheinlich völlig antriebsarm, wir lägen alle in unseren Hängematten, ließen Wolken und Zeit genüsslich an uns vorbeiziehen und würden dem Leben Dank sagen. Zufrieden mit dem was wir haben, wohlgefällig auf andere blickend. Als gemeinsames Ärgernis schlage ich Flaschenverschlüsse vor, die sich zu schwer aufdrehen lassen. Mehr nicht. Unser Dasein könnte so entspannt sein. P.S. Irgendwie bin ich mit dem Text unzufrieden.

Maskenball

Als die Maskenpflicht ausgerufen wurde, ging ich in meine Apotheke und wollte eine kaufen. Der Apotheker meinte, schön wär´s. Die wenigen die er hatte, seien längst ausverkauft, und die, die er bestellt hat, sind noch nicht da. Lieferdatum unbekannt. Kommen aus China, wie alles, heutzutage. Ich bedankte mich und zog mir vorläufig alternativ meinen Schal übers Gesicht. Als ich damit meine Bankfiliale betrat, hoben alle die Hände hoch. „Corona!“ erläuterte ich mein Outfit, bevor sie den Alarmknopf drücken konnten. Zur gleichen Zeit nähten in meinem Dorf geschäftstüchtige Frauen im Akkord aus alter Bettwäsche oder ausrangierten Hemden und Blusen Masken. Nachts schlichen sie um den Altkleider-Container und angelten sich geeignete Reststoffe heraus. An einer Maske glaubte ich gar, eine alte, abgetragene Unterwäschekollektion von mir wiederzuerkennen. Witzige Schneiderleins kreierten Masken mit Fratzen, Figuren oder einfach nur lachenden Smiley-Mündern, andere druckten ihr Firmenlogo oder einen lustigen Text drauf, z.B.: „Küssen verboten“ oder „Fresse!“ Inzwischen verfüge ich über ein Sortiment Masken, die ich je nach persönlicher Stimmung anlege. So kann man schon mal an meiner Vermummung erkennen, wie ich drauf bin. Apropos erkennen, ein Bekannter von mir sammelt weggeworfene Masken von der Straße, wäscht sie und trägt sie weiter auf. So habe ich erkannt, was er für ein unfassbarer Geizhals ist. Corona sei Dank.

Tolle Wurst

„Stell dir vor, der Hansen hat seine Frau betrogen.“ Ich denke, das schockiert ihn, schließlich waren wir alle überzeugt, Hansen führe eine glückliche Ehe. Er darauf: „Na, kuck an.“ Ich muss zugeben, das ist mir für so eine heiße Neuigkeit zu wenig, da hatte ich mehr Anteilnahme erwartet, also lege ich noch einen drauf: „Mit einer Jüngeren.“ Er stutzt und sagt dann: „Tolle Wurst.“ Wurst? Ich weiß nicht, das passt ja nun gar nicht, denke ich, aber ich hab noch einen: „Ist die Tochter von seinem Chef.“ Ich schaue ihn erwartungsvoll an. Sein Kommentar: „Siehste woll.“ Das reicht mir nicht. Bei so einem Hammer von Neuigkeit? Also gut, ich hole jetzt ein echtes Ass aus dem Ärmel: „Die Hansen ist aus Rache mit seinem Chef ins Bett gegangen. Na? Da biste sprachlos.“ Er hebt kurz die Augenbrauen und antwortet nur: „Nutzt ja nix.“ Ich gebe auf. Mehr Neuigkeiten hab ich nicht. Aber jetzt kommt er: „Du glaubst es nicht, Tom hatte ´n Herzinfarkt.“ Ich sage nur: „Tolle Wurst.“

Zahlen!

Zu den vielen Talenten die ich nicht habe, gehört auch die Mathematik. Eigentlich mag ich sie, wenn da nur nicht diese bescheuerten Zahlen wären. Für einen Mathematiker die glorreichen Zehn, für mich die zehn Verdammten. Mag sein, dass meine Zahlenallergie von meiner Lebensgeschichte geprägt ist. Mein Vater war Steuerberater und hat zu Hause gearbeitet. Immer wenn meine Mutter ohne Bodenberührung die Diele entlanggeschwebt ist, wusste ich: „Vati macht Bilanz.“ Das hieß, er addierte oder subtrahierte Zahlen, die am Ende übereinstimmen mussten. Fehlte ein Pfennig, konnte er wieder von vorne anfangen – und wir uns eingraben. Seine Tür zum Büro war dann geschlossen und Mutter schob ihm mehrmals am Tag, wie bei einer Raubtierfütterung, ein paar Wurst- oder Apfelscheiben unter der Tür durch.

Wir hatten Angst, weil er um nichts in der Welt gestört wurden durfte, sonst brannte die Luft. Da wusste ich, Zahlen sind etwas ganz Kompliziertes und wenn man sie auch noch zusammenzählen oder aneinanderreihen muss, der blanke Wahnsinn. Davon hat der Deutsche Bankenverband Wind bekommen und extra für mich die IBAN-Nummer erfunden. Nur um mich fertig zu machen. Und so fülle ich seitdem vorgedruckte Überweisungsformulare mit seelenlosen Bandwurmzahlen aus, zähle leise murmelnd Perlenketten von Nullen durch, am Ende ist es immer eine zu wenig – oder zu viel. Erst recht, wenn ich das in meiner Filiale am einzigen Überweisungsautomaten tätige, vor dem bereits andere Kunden unruhig darauf warten, dass ich endlich fertig werde. Dann mache ich Fehler und damit die Nachrücker noch unruhiger. Eine echte Spirale. Aktuell, in Coronazeiten, liegt meine Filiale in mitarbeiterloser, geisterhafter Stille, nur Zettel an den Wänden weisen auf den Segen des Onlinebankings hin. Wer ihrer digitalen Errungenschaft nicht traut, soll gefälligst sein ausgefülltes Überweisungsformular per Post an die Zentrale, weit oben an der Westküste senden.

Gestern habe ich eins an das Auffangbecken für angepisste Bankkunden (AFAB) ausgefüllt und abgeschickt. IBAN85 12700 27380 00000 00000 0000 00001226 0000 6500 000112 00054 000000. Ich bin mal gespannt.

Food-City

„Immer geradeaus, und dann den zehnten Gang, direkt am Maggi-Center links, und an der Kreuzung, beim großen Coffee-Tower, rechts. Danach den zweiten Gang, direkt am Dressing-Corner wieder links. Dann sehen Sie schon.“ Ich bedanke mich und fahre meinen Einkaufswagen in die empfohlene Richtung, biege aber einen Gang zu früh ab und lande in der Pasta-Street. Nach gefühlt Millionen Nudeln erreiche ich eine Abzweigung in Richtung Milki Way. Am Asia-Food-Circle nehme ich die zweite Ausfahrt, lande direkt im Bio-Park und verlasse ihn am Veggie-Garden. Endlich erreiche ich die Cooler-Highway mit den Hunderttausend Joghurtbechern und lege eine Mango-Papaya-Töpfchen in meinen Wagen. Wegen erhöhten Verkehrsaufkommens bei den Sonderangeboten wähle ich den Umweg über den Hot-Spot mit den scharfen Gewürzen und lande wieder bei der freundlichen Frau von vorhin. „Na? Alles gefunden?“, fragt sie. „Ja“, sage ich glücklich reiche ihr meine Come-Back-Card.

Das Signal

Vor einiger Zeit sprach mich Frau Hansen, meine Nachbarin, an. Als ältere, allein lebende Dame und mache sie sich Sorgen, dass keiner merken würde, „wenn mit mir mal was passiert ist“. Eine Bekannte sei unlängst gestürzt und hätte zwei Tage hilflos in ihrer Wohnung gelegen, bevor sie jemand gefunden habe. „Sollten meine Vorhänge im Schlafzimmer bis 9:30 Uhr nicht aufgezogen sind, dann stimmt etwas nicht mit mir“, sagte sie zu mir. „Eine gute Idee, dann weiß ich Bescheid“, antwortete ich. Drei Monate später schaue ich an einem Samstagmittag zufällig zu ihrem Haus herüber und sehe, dass ihre Vorhänge noch zugezogen sind. Eine Viertelstunde später rücken Polizei, Feuerwehr, Notarzt, das Technische Hilfswerk, ein Minenräum-kommando und – für den Fall einer Geiselnahme – das SEK an. Die Einheit stürmt das Haus und sichert dem Bereitschaftsarzt den Zugang zur Zielperson. Sanitäter tragen die festgeschnallte, medizinisch notversorgte Frau Hansen auf der Trage zum Krankentransporter. Am späten Morgen klopft sie putzmunter an meine Tür, reicht mir einen selbstgebackenen Kuchen und bedankt sich herzlich: „Wie beruhigend, so einen aufmerksamen Nachbarn zu haben.“ Ihr sei überhaupt nichts passiert, sie wollte mich nur mal testen.

Unfähig

Als Gott die Begabungen verteilte, war ich kurz mal auf´m Klo. Wie ich wieder zurück kam, hatte er das Handwerkstalent komplett vergeben. Zur Auswahl standen noch Musik, Mathematik und Kunst. Ich entschied mich für Letztere. „Arme Sau“ hörte ich jemanden sagen. Ich ahnte nicht, wie recht er hatte. Seit dieser Stunde laufe ich als verhöhnter Außenseiter durch mein Leben. Von Werkzeug bekomme ich Allergien, in Baumärkten wird mir schlecht und beim Blick auf einen Motorblock schwindelig. Mein Leben lang bin ich von Handwerkern abhängig. Als Freunde tolerieren sie mein Unvermögen sanftmütig: „Jeder kann halt seins“.

Sind mir welche allerdings professionell zu Diensten, wittern sie meine Ahnungslosigkeit und ziehen mich über den Tisch. Nun gut, in meiner Zeit in einer Buchdruckerei hatten wir ja auch einem gutgläubigen Kunden eine verschnittene Auflage Prospekt als „neues, englisches Format“ verkauft. Er hat´s tatsächlich geglaubt. Im unmoralischen Umgang mit einem Unwissenden sind wohl die meisten Fachleute gefährdet, speziell kurz vor Feierabend. „Scheiß drauf, sieht doch keiner. Der schon gar nicht.“ Aktuell punkte ich bei den Frauen damit, dass ich Kreissägen und Kantenschneider hasse: „Hab wohl einen großen Anteil Weiblichkeit in mir.“ Das kommt an. Als ich aber letztens einer guten Freundin durch eine dumme Fehlbedienung den Rasenmäher kaputt gemacht habe, schrie sie mich an: „Und du willst ein Mann sein?“ Mit einer zarten Federzeichnung und einem poetischen Vierzeiler konnte ich sie leidlich versöhnen.

Zum Totlachen

Ich scheue mich, es ihnen ins Gesicht zu sagen, aber sie haben sich verändert. Wenn ich sie früher besuchte, sprachen wir über alles, nur nicht über Krankheiten. Die hatte man nicht oder sie spielten keine Rolle, weil das Leben einfach schöner war. Heute liegen bei ihnen Salben und Säfte herum, in den Schubladen wimmelt es von Medikamenten und auf der Vitrine, wo früher der Aschenbecher stand, steht jetzt das Blutdruckmessgerät. Ich erfahre ihre neuesten Cholesterin- und PSA-Werte, alles über ihr Gewicht und den Zustand ihrer Gelenke, ich weiß nun, was sie nicht mehr essen oder vergessen und zu welchem Arzt sie gerne, oder weniger gerne gehen. Prahlt er mit seiner Arteriosklerose, wirft sie ihre Osteoporose in den Ring, gibt sie stolz an, vier Mal nachts auf die Toilette zu gehen, geht er fünf Mal. Sie zeigen mir ihre neuesten Rückenübungen und was man alles gegen Verstopfung tun kann. Wir sehen gemeinsam Videos von ihren liebsten Physiotherapeuten und über das Wunder der Nahrungsergänzungsmittel.

Habe ich endlich alles über ihren akuten Gesundheitszustand erfahren, gehen wir die neuesten Herzinfarkte, Hirnschläge und Schlaganfälle in ihrem Umfeld und Bekanntenkreis durch. In der Regel sind auch immer zwei oder drei völlig unerwartete Todesfälle dabei. Meinen zaghaften Versuch, ihnen von meinem steifen Nacken zu erzählen, kontern sie mit ihren kaputten Hüften. Am Ende meines Besuches spazieren wir immer noch ein bisschen über den nahegelegenen Friedhof und besichtigen ihre zukünftige Grabstelle. Letztes Mal baten sie mich um Beratung in Sachen Inschrift. Ich schlug ihnen „Erfolgreich gestorben“ vor. Sie wollten das noch mit ihrem Psychotherapeuten diskutieren.

Radio Gaga

Ich bin in den kleinen Laden gegangen, um mir ein Hemd zu kaufen. Während ich die Auswahl an den Kleiderstangen durchblättere, läuft im Hintergrund unüberhörbar dass Radio. Zwei aufgekratzte Moderatoren spielen einen Titel kurz an und fragen: „Wer erkennt die Interpretin? Sofort anrufen unter …..holt euch die 500,- Euro!“ Ich will mich auf die Hemden konzentrieren, merke aber, wie mich diese Frage packt. Sie spielen den Titelfetzen noch mal. Ich kann es kaum glauben: das ist doch eindeutig Marianne Rosenberg mit „Er gehört zu mir“. (Wie der Schein zu mir, denke ich.) So leicht bin ich noch nie zu Geld gekommen. Ein Hörer ist auf Sendung und meint: „Mary Rose?“ Mann, ist der blöd. Der Moderator sagt: „Leider falsch. Aber jetzt alle zuhören – ich erhöhe auf 600.- Euro, heute Nachmittag auf eurem Konto, ruft an!“

Ich werde immer nervöser. Für 600.- Euro kann ich mir gleich jetzt ein Dutzend Hemden kaufen. Wahnsinn. Sie spielen den Titel noch mal an. Ich kann mich überhaupt nicht mehr konzentrieren, wühle fahrig in den Stoffen herum. „Ja, wer ist dran?“, fragt der Moderator. „Ich bin Lena aus Rostock. Den Titel singt…äh… Nicole?“ Nicole? Ja bist du denn völlig leer da oben, denke ich. Das tut ja schon weh. „Tut uns leid, Lena, leider nein“, bedauert der Moderator. Wieder spielen sie das Lied an und sagen: „Einem Anrufer geben wir noch eine Chance – ruft an!“ „Haben Sie die Nummer von Radio Brandenburg?“, schreie ich den Ladenbesitzer an. „Bitte? Worum geht´s?“, fragt er verdattert. „600,- Euro, Mann! 600.- Euro!“, brüllen ich ihn an und dann in Richtung Radio: „Marianne Rosenberg! Ma-ri-an-ne Ro-sen-berg!!“ Er schaut mich sonderbar an und fummelt an seinem Handy herum. Ich schreie: „ Marianne Roooosenberg! Mann! Das ist doch pipi-einfach! Marianne Rosenberg!!“, stürze nach draußen, klettere auf einen Tisch mit Sonderangeboten und wedele mit einem karierten Hemd herum. Es muss mich doch jemand von Radio Brandenburg sehen. „Marianne Rosenberg!! Er gehört zu mir! Rosenberg! Marianne!“, gröle ich wie von Sinnen. Als mich die Sanitäter fest fixiert in den Krankenwagen verbringen, höre ich noch aus der Ferne eine Hörerin „Helge Schneider?“ antworten. Danach falle ich vor Schmerz in Ohnmacht.

Autobrei

Alle jungen Menschen jetzt mal Augen zu. Hey, Alter! Erinnerst du dich noch an diesen Moment, wo du dir vor dem Ausstellungsraum eines Autoherstellers an der Scheibe verzückt die Nase platt gedrückt hast? Da stand er, unvergleichlich, außergewöhnlich, atemberaubend in Form und Stil, der neue Citroen, oder Alfa Romeo, oder Renault, oder BMW, oder Opel GT. Sogar in einen Honda wollte ich mich, verliebt bis über beide Ohren, mal zwängen, hab mich dann aber für den noch originelleren Mini entschieden. Total innovativ war der RO80, mit Wankelmotor! Autos, nach denen sich die Menschen auf der Straße den Kopf verdreht haben. Schaut man sich heute die Autos an – ein einziger, kotzlangweiliger, optischer Brei. Eins wie das andere, jeder klaut bei jedem, es gibt keinen Unterschied mehr. Keinen!
Überall Karosserien die aussehen, als wären sie von Riesenwespen gestochen worden, überall Beulen und Schwellungen, winzige Heckfenster mit entzückender Blechmarkise – aber vor allem: Der SUV-Virus! Diese Karosseriekrankheit, die Fehlgeburt eines sibirischen Auto-Designers, der jeden Städter damit durch den Schlamm seines Stadtparks schicken wollte, der Autotyp, der heute die Straßen dominiert und bräsig verstopft. Bald gibt es Kinderwagen-SUV´s. Es ist Wahnsinn. Alle jungen Menschen jetzt wieder die Augen auf: Von Toyota gibt´s jetzt den neuen Instagram! Bei Neukauf gibt´s 500 Follower gratis.