Aufgeklärt

Als ich bei der Firma anrufe und frage, wo denn mein bestellter Cowboyhut sei, erklärt mir eine freundliche Frau, der sei an mich ausgeliefert. Nach ihren Unterlagen gestern. Ich sage, bei mir sei nichts angekommen. Sie schaut noch mal nach und sagt dann: „Wurde bei ihrem Nachbarn abgegeben.“ Na, prima. Ich habe ein Dutzend Nachbarn, also bei welchem? Kann sie nicht sagen, stünde da nicht. Danke, sehr freundlich. Ich mache mich also auf die Suche nach meiner Sendung, etliche Nachbarn sind nicht da, die anderen wissen nichts von einem Paket. Ich rufe wieder bei der Firma an. Der Mann will sich noch mal kümmern. Wenig später sein Rückruf: Mein Paket sei bei einem Nachbarn abgegeben worden. Ach, wirklich? Die Antwort kommt mir bekannt vor. Heute Morgen, ich schaue zufällig aus dem Fenster, tritt der Opa aus dem dritten Stock mit einem Cowboyhut auf die Straße. Ich ruf sofort die Firma an und sage, es hätte sich erledigt.

Fahrendes Volk

Der Mensch stammt wohl eindeutig von der Schnecke ab, anders kann ich mir den neuen Hype um die Wohnmobile kaum erklären. Fast jeder kauft sich heute so ein rollendes Heim, mal als Zweiachser, wie die Rübenbergers, mal als ausgebauten VW-Bus, wie Brigitte. Auf den Autobahnen fahren sie in endlosen Schlangen von Campingplatz zu Campingplatz, nehmen millimetergenau ihren vorgebuchten Stellplatz ein, stellen ihre Stühle und Schirme raus, hocken sich zwischen die beiden Nachbarmobile und schlürfen ihren Kaffee aus Plastikbechern.

Die Männer diskutieren über Abwasserpumpen, die Frauen über pflegeleichte Teppichböden. Was ist mit den Menschen los? Sehnsucht nach Nomadenleben? Flucht vor Viren? Selbstverwirklichung? Schwarzgeld unterbringen? Verschollen geglaubte Freunde von mir riefen mich plötzlich letztens an und fragten mich, wie es mir um Himmels Willen ginge und ob ich noch in dem Haus mit dem großen Garten lebte? Sie hätten ständig an mich gedacht, sich um mich gesorgt, unendliche Sehnsucht entwickelt und wollten mich um jeden Preis wiedersehen. Gestern rollten sie mit ihrem neuen Wohnmobil um die Ecke. Erst fragten sie nach einer Steckdose, dann nach einer Fäkaltankentsorgung und danach, ob sie ein paar Tage im Garten neben dem Apfelbaum stehen könnten. „Obst kostet extra“, habe ich gesagt.

Artikel

Der Beruf eines Cartoonisten ist irgendwie anders als andere. Das macht viele Menschen neugierig und bewegt sie erstaunlicherweise zu immer wiederkehrenden Fragen. Die erste ist: „Wie kommt man nur auf solche blöden Ideen?“ Die zweite: „Und wenn einem keine mehr einfallen?“ Die dritte: „Und davon kann man leben?“

Immer diese drei Fragen, in dieser stereotypen Reihenfolge, ich schwöre. Manchmal, wenn ich zufällig bei Ausstellungen oder Preisverleihungen neben jungen Kollegen*innen stehe und heimlich mithöre wie sie interviewt werden – nichts hat sich geändert. Erste Frage: „Wie kommt man nur auf solche blöden Ideen?“ Zweite…siehe oben. Es wird aber noch verrückter: wir Cartoonisten*innen geben auch immer dieselben, stereotypen Antworten. Wie gerne hätte ich mal was ganz Neues gesagt, etwas wirklich Überraschendes, etwas, was noch keiner jemals vor mir gesagt hat, so brillant und bewegend, dass es Geschichte schreibt, aber denkste. Ich quatsche immer den selben Stuss. Manchmal schäme ich mich richtig, wenn ich ein Interview von mir in der Zeitung lese. Ich denke oft, was redest du denn da für einen Scheiß? Es wäre schön, Peter, wenn du beim Denken nicht so viel denken würdest. Mitunter hat der Redakteur auch meine Antworten entweder falsch verstanden oder nicht richtig zugehört. Da hab ich dann „Hannes Wader studiert“, dabei habe ich mit ihm studiert und in der Schule war ich nicht der „Klassensprecher“, sondern der Klassenclown.

Wenn mich aber die ersten Freunde anrufen und mir zu dem „super Artikel in der Zeitung“ gratulieren, dann finde ich, egal, Hauptsache du bist in der Presse. Aber beim nächsten Mal, da haue ich dann dermaßen geistreiche, grandiose Sätze raus, dass alle nur noch stöhnen.
Übrigens: Dies ist mein 300ster Blog! Wie mir immer was einfällt? Also dazu darf ich kurz Sokrates zitieren….

Die Geschichte des Weihnachtsmannes

Der Weihnachtsmann heißt eigentlich Matti Heikkinen und wurde in einem kleinen Dorf nahe Helsinki geboren. Sein Vater war Rentierzüchter und seine Mutter arbeitete in einer Fischfabrik als Schuppenflechterin.

Sein Talent zum weltweit berühmtesten Geschenkkurier war anfangs gar nicht zu erkennen. Der kleine Matti rodelte wie alle Kinder am liebsten mit seinem Schlitten das elterliche Dach herunter und fuhr auf den Tränenbächen seiner von ihrer Ehe frustrierten Mutter Schlittschuhe. Hin und wieder half er seinem Vater beim Kastrieren der Rentierbullen oder seiner Oma beim Einbringen der vereisten Wäsche. In der Schule störte er durch ständige Zwischenrufe, wie „Ho-ho-ho!“ oder „Wart ihr denn alle schön brav?“. Gute Pädagogen hätten da allerdings schon erkennen können, welches Talent in dem kleinen Matti schlummerte.

Der studierte also erst mal Walgesang und tourte mit der Gruppe „Fishermans Friend“ über die finnischen Dörfer bis er am Heiligen Abend 1847 bei einem Auftritt von einer indigenen Verehrerin ein in Geschenkpapier eingewickelten Brathering zugeworfen bekam. Das berührte Matti dermaßen, dass er in diesem Moment die Idee hatte, dieses Gefühl der Dankbarkeit allen Menschen zuteil werden zu lassen. Er ließ sich die Haare weiß färben, einen langen Bart wachsen und von der berühmten finnischen Mode-Ikone Supi Klamottinnen einkleiden. Die wählte ein kräftiges Rot, an Hals, Ärmeln und Mütze weiß abgesetzt, und kreierte damit dass weltweit berühmte Outfit des berühmten Geschenkkuriers.

Fortan beglückte Matti am Heiligen Abend als „Weihnachtsmann“ Erwachsene und Kinder gleichermaßen. Irgendwann investierte er in einen Schlitten und sechs zugkräftige Rentiere, anders war das auch gar nicht mehr zu schaffen. Seine Anträge auf Ruhestand werden alljährlich mit der Begründung abgelehnt, dass er eine „systemrelevante“ Persönlichkeit sei und für die Gesellschaft schlicht unverzichtbar. Ein Ende seiner erfolgreichen Karriere steht also in den Sternen. Das ist die wahre Geschichte des Weihnachtsmannes. Hätte man nicht gedacht, oder?

Zum Totlachen

Ich scheue mich, es ihnen ins Gesicht zu sagen, aber sie haben sich verändert. Wenn ich sie früher besuchte, sprachen wir über alles, nur nicht über Krankheiten. Die hatte man nicht oder sie spielten keine Rolle, weil das Leben einfach schöner war. Heute liegen bei ihnen Salben und Säfte herum, in den Schubladen wimmelt es von Medikamenten und auf der Vitrine, wo früher der Aschenbecher stand, steht jetzt das Blutdruckmessgerät. Ich erfahre ihre neuesten Cholesterin- und PSA-Werte, alles über ihr Gewicht und den Zustand ihrer Gelenke, ich weiß nun, was sie nicht mehr essen oder vergessen und zu welchem Arzt sie gerne, oder weniger gerne gehen. Prahlt er mit seiner Arteriosklerose, wirft sie ihre Osteoporose in den Ring, gibt sie stolz an, vier Mal nachts auf die Toilette zu gehen, geht er fünf Mal. Sie zeigen mir ihre neuesten Rückenübungen und was man alles gegen Verstopfung tun kann. Wir sehen gemeinsam Videos von ihren liebsten Physiotherapeuten und über das Wunder der Nahrungsergänzungsmittel.

Habe ich endlich alles über ihren akuten Gesundheitszustand erfahren, gehen wir die neuesten Herzinfarkte, Hirnschläge und Schlaganfälle in ihrem Umfeld und Bekanntenkreis durch. In der Regel sind auch immer zwei oder drei völlig unerwartete Todesfälle dabei. Meinen zaghaften Versuch, ihnen von meinem steifen Nacken zu erzählen, kontern sie mit ihren kaputten Hüften. Am Ende meines Besuches spazieren wir immer noch ein bisschen über den nahegelegenen Friedhof und besichtigen ihre zukünftige Grabstelle. Letztes Mal baten sie mich um Beratung in Sachen Inschrift. Ich schlug ihnen „Erfolgreich gestorben“ vor. Sie wollten das noch mit ihrem Psychotherapeuten diskutieren.

STIRB LANGSAM 5

Lenny (Bruce Willies), kommt eines schönen Feierabends nach Hause und hat verdammten Hunger. Susan (Kate Nauta), seine Frau, hängt in verbeulten Jogginghosen und vollgekleckertem T-Shirt mit einem Hard-Drink auf dem Sofa und glotzt eine Wrestler-Serie. Lenny fragt ruhig nach, ob es denn irgendwo in diesem verfickten Haus etwas zum Beißen gäbe. Susan antwortet, wenn er was zum Beißen suche, soll er den Hund (Jack Russel) fragen. Lenny will von Susan wissen, warum zur Hölle, sie so eine beschissene Laune habe. Als Susan daraufhin nur säuerlich aufstößt, bleibt Lenny cool und erinnert sie daran, dass sie als Ehefrau eine Versorgungspflicht habe. Susan antwortet nur, darauf scheiße sie. Lenny will nun wirklich genau wissen, warum sie so eine verfickt schlechte Laune habe. Susan faucht, ob er denn wisse, was heute für ein verkackter Tag ist? Lenny meint, wie, zur Hölle, soll er wissen, was heute für ein verkackter Tag sei? Er wisse nur, dass ihn heute sein Boss blöd angepisst habe und er verdammten Hunger habe, mehr wisse er nicht. Daraufhin springt Susan wutentbrannt auf und brüllt, heute sei ihr beschissener Hochzeitstag, den er nun zum fünfundzwanzigsten Mal vergessen habe und reißt dabei eine Porzellanbüste von Donald Trump vom Tisch. Lenny ist außer sich vor Wut, weil er diese verdammte Büste wie blöd geliebt hat und sie nun zertrümmert auf dem Boden liegt. Susan antwortet, diese beschissene Büste ginge ihr genau so am Arsch vorbei, wie ihm ihr Hochzeitstag. Daraufhin zieht Lenny seine 8-Millimeter Walter aus der Hosentasche und droht, Susan zu erschießen, wenn sie nicht auf der Stelle seine verdammt geliebte Büste wieder zusammenkleben würde. Susan meint, da hätte sie noch was Besseres und zieht ihre Magnum aus der Sofaritze. Die Lage ist für einen Moment verdammt angespannt. Als Lenny dann aber sagt, wenn ihr denn dieser verfickte Hochzeitstag so verdammt wichtig sei, dann lade er sie halt zum verkackten Italiener ein, nimmt Susan das Angebot tränenüberströmt an. Beide verlassen Arm in Arm das Haus.

Bewertung: Cooles Finale eines gelungenen Marriage-Action-Films.

Spannung: ***** Anspruch: 0 Humor:** Gefühl: ****

Glücksspiel

Ja, ich spiele. Nicht permanent, aber immer mal wieder, am liebsten Eurolotto. Umso voller der Jackpot ist, desto mehr setze ich ein. Und dann male ich mir aus, was ich alles mit dem vielen Geld machen würde, dabei stoße ich in meinem tiefsten Inneren auf einen großartigen Charakterzug, der sich erfreulich von meinen normalen, konfusen Wesenszügen unterscheidet: Ich stelle mir vor, wie ich die Millionen unter all meinen sich geplagten und geschundenen Freunden verteile. Mit dem Füllhorn in der Hand besuche ich sie und schon auf dem Weg dahin bekommt jeder Straßenmusiker oder Bettler eine volle Hand in seinen Hut geworfen. Auch Hagenbeck und Jens Spahn, die Bill Gates Stiftung und die verarmten Hohenzollern sollen nicht leer ausgehen. Ich verausgabe mich lustvoll. Ganz am Ende dann denke ich auch mal an mich, stoße die große Glastür einer Porsche-Verkaufsfiliale auf und setze mich in die teuerste Karre, die dort zum Verkauf steht. Diese Schweinerei gönne ich mir. (Sorry, Greta.)

Auch dem Verkäufer stopfe ich ein Bündel Geldscheine unters Hemd. Ich bin nicht mehr zu stoppen. Leben, jetzt. Corona hat uns gelehrt, wie bedroht es sein kann. So weit, so gut – immer vorausgesetzt, man tippt die richtigen Zahlen. Hört sich einfach an, ist es aber nicht. Bei der Wahl seiner Zahlen darf man nicht verkrampft sein, muss das richtige Verhältnis zwischen Bauch und Kopf finden. Persönliche Geheimzahlen oder Geburtstage der Lieben haben sich als Nieten entpuppt, auch Hausnummern, Steuersätze oder die eigene Genitallänge funktionieren nicht. Am besten, man kreuzt seinen Tippschein völlig gedankenlos an, frei von Wünschen und Träumen. desgleichen vor der Verkündung der Zahlen, niemals daran denken, dass man den Jackpot abräumen könnte – niemals! Genau diese Gedanken sind bekanntlich die verbindlichste Garantie für eine abgrundtiefe Enttäuschung.

Aber vor zwei Jahren bin ich mal in den Urlaub gefahren und hatte in der Aufregung völlig meinen aktiven Eurolottoschein vergessen, also weder an ihn, noch an ein Losglück gedacht. Null! Plötzlich erhielt ich am Strand einen Anruf meines Freundes, der in meiner Wohnung die Yukapalme goss und auf dem Tisch den Spielschein fand. Fürsorglich brachte er ihn zur Überprüfung in die Lottoannahmestelle. „Sitzt du?“, rief er aufgeregt in den Hörer, „Du hast fünf Richtige!“ Fünf von sieben Zahlen! Ich fiel fast in Ohnmacht. Ich? Fünf Richtige? Siehste, siehste, dachte ich, nur so funktioniert es. Bevor ich im Geiste anfangen konnte die Millionen zu verteilen, holte mein Freund mich auf den Boden: „Du bekommst 380.- Euro. Leider ist eine Zahl an der falschen Stelle, sonst hättest du 12.000,- Euro gewonnen.“ Pech im Glück, so ein Mist. Aber ich habe daraus gelernt, habe die parapsychologischen Gesetzmäßigkeiten verstanden. Seitdem denke ich vor der Abgleichung meiner Lottozahlen an alles, nur nicht an einen Gewinn, z.B. Sex in der Achterbahn, an die Erderwärmung, an ein Rezept für Königsberger Klopse oder mein erstes Fahrrad. Das ist leichter gesagt als getan, irgendwann in diesem Psychospiel schleicht sich heimlich aus einem raffinierten Versteck dann doch der Funke eines Gedankens hinein: Stell dir vor, du schnappst dir den Pott? Und bums – schon sind alle Chancen wie weggefegt. Nichts geht mehr. Ein qualvolles Spiel. Heute bin ich mit AC/DC auf den Kopfhörern und Karaoke singend in meine Lottoannahmestelle marschiert, um meinen Schein überprüfen zu lassen. Morgen soll ich auf Kaution freikommen.

Tapas Terror

Dieter war schon ein paar Mal auf Insel, hatte sie uns wärmstens empfohlen und alles organisiert. Nun saßen wir, fünf urlaubsfreudige Freunde, nach der Ankunft mit weißen Beinen und in halblangen Hosen in einem von Dieter gepriesenem Lokal und blätterten in der Speisenkarte. Nach strapaziösen Anreisen und spärlichem Fliegerfraß habe ich grundsätzlich Riesenhunger und verspüre den drängenden Wunsch, ihn zu stillen.

In meinem Bekanntenkreis eilt mir wegen dieser Neigung der Ruf eines „Fresssacks“ voraus. Was daran verwerflich ist, auf die Wünsche seines Körpers zu hören, kann ich mir nur damit erklären, dass heutzutage der Hunger in einer vom Schlankheitswahn besessenen Zeit als Feind diskreditiert wird und mit allen Mitteln, zumeist von der Pharmaindustrie, beseitigt oder zumindest gebändigt werden muss. Ich bin in einer elterlichen Welt aufgewachsen, in der satt werden das ersehnte Ziel einer hungergeplagten Nachkriegsgeneration war. „Bist du satt geworden?“ fragte mich meine Mutter nach jeder Mahlzeit ständig und wenn meine positiven Bestätigungen sie immer noch nicht zufriedenstellten, folgte ein resolutes: „Du bist doch noch nicht satt!“ Ich durfte erst aufstehen, wenn mir nachweislich schlecht war. Diese historische Komponente soll meinen folgenden Fall verständlicher machen und bei der Gelegenheit möchte ich auch noch grundsätzlich erklären, dass ich mein Brot mit jedem Armen und Hungernden teilen würde – nur nicht im Urlaub mit gutsituierten Freunden, welche sich mit dem Betreten der Insel zu meinem Erstaunen schlagartig in glühende Verehrer der insularen Küche verwandelten und zugleich Anhänger einer kollektiven Bestellung waren: gemeinsam alles essen und am Ende durch alle teilen. Diese Sozialküche steht, wie schon gesagt, in solch speziellen Momenten diametral zu meinem Individualbedürfnis.

Noch mal: ich liebe auch kulinarische Vielfalt und die kultivierte Plauderei zwischen den Gängen – aber nicht wenn ich hungrig bin! Dieter moderierte inzwischen wie selbstverständlich die Speisekarte und sagte: „Hier gibt´s nur leckere Sachen, wir essen doch von allem etwas, oder?“ Eine rein rhetorische Frage, längst war er nämlich zur Führungs-und Deutungs-Hoheit avanciert und ganz unter die Haut der Insulaner geschlüpft. Er rief den Kellner und bestellte Tapas, die mir größtenteils völlig fremd waren, wobei er beim Ordern der einzelnen Speisen weiterhin in scheinheiliger Höflichkeit „Oder?“ in die Runde fragte, um seiner Bestellung einen basisdemokratischen Anstrich zu verleihen. Niemals hätte ich es gewagt ihm mit „Ich mag aber keine Sardinen“ in die Parade zu fahren. Ergeben hörte ich ihn Gemüse und Fisch „mit schön viel Knoblauch“ in allen erdenklichen Variationen bestellen, bis mich plötzlich „Fleischbällchen in Tomatensoße“ aus meiner Lethargie rissen. Mein Magen wollte „Davon hätte ich gerne zwei Dutzend!“ schreien, riss sich aber zusammen.

Eine halbe Stunde später war unser Tisch randvoll mit kleinen Schälchen mit den verschiedensten Gerichten, über die sich nun alle hermachten. Jeder nahm sich vor meinen fressneidischen Augen etwas davon und hiervon und ständig hörte man kleine Laute des Entzückens wie „Köööstlich“ oder „Wie lecker“ oder „Delikat“. Dieter steckte keinen Bissen ohne Lobpreisung der mediterranen Küche in seinen Mund: „Leute, ihr müsst unbedingt von den Oliven in Brunnenkresse probieren, ein Gedicht!“ Mein ganzes, schlichtes Sehnen hingegen galt dem Schälchen mit den Fleischbällchen, die meiner konservativen Ansicht nach als Einzige in der Lage waren, meinen quälenden Hunger zu stillen. Als es endlich bei mir ankam, waren zu meinem Leidwesen nur noch zwei übrig. Auf meine verschämte Frage, ob wir die nicht nachbestellen könnten, meinte Dieter nur: „Aber probiere doch mal die Octopusärmchen in Senf-Koriander-Krüstchen.“

Am nächsten Abend gingen wir wieder in dieses Lokal. Bevor Dieter seine Bestellungsregie starten konnte, sagte ich laut: „Ich nehme heute mal eine große Portion von den Fleischbällchen. Nur für mich.“ Eine halbe Stunde später war ich gewaltsam in Abschiebehaft verbracht.

Trink, Brüderlein, trink…

Im zunehmenden Maße führt man im Alter Gespräche über seine Gesundheit, vordringlich über die fehlende. Meistens wird einem so ein Gespräch von anderen aufgezwungen, von Menschen, wo man es sofort bereut, dass man sie „Wie geht´s?“ gefragt hat. In der Flut ihrer Befindlichkeiten und Befunden taucht unter Garantie die Frage auf „Trinkst du denn auch genug?“, alternativ auch die Mahnung „Du musst genug trinken.“ Darüber haben wir in jungen Jahren kein Wort verloren, genug trinken gehörte zu unserem Alltag, besonders abends und nachts. Heute nun ist es ein Muss. Seltsamerweise hat man im Alter nicht mehr so viel Durst, das heißt, man muss sich zum Trinken richtiggehend zwingen. Die Angaben über das nötige Maß an täglicher Flüssigkeitszufuhr schwanken zwischen zwei bis drei Liter, manche nehmen sogar noch mehr zu sich, bewegen sich damit dann allerdings schon in Richtung Kamel. Ich habe mich zwischen zwei und drei Liter Wasser eingependelt und erschrecke mich jeden Morgen, wenn ich mir streng meine Tagesration in Glasflaschenform auf den Tisch stelle. Oh, Gott! Das soll ich heute alles trinken.

Das erste Glas schütte ich mir noch wacker rein, danach versiegt mein Bedürfnis deutlich. Natürlich variiere ich auch, trinke Wasser als Tee oder Schorle, aber die Leidenschaft, mit der ich abends mein kühles Helles verköstige, erreichen diese Mixturen nicht annähernd. Dennoch, ich beiße mich….besser, saufe mich tagsüber durch. Das wiederum hat Konsequenzen. Denn was oben reinfließt, will unten wieder raus, heißt, ich muss ständig pinkeln. Warum kann ich noch heute Stunden lang unbeweglich in einem Wirtshaus sitzen und Bier in mich reinschütten, muss aber nach einem Glas Wasser schlagartig aufs Klo? „Wasser treibt“, sagte mein Vater immer. Er musste das wissen, er war Ruderer, vergaß aber zu sagen: „Kaffee in Kombination mit Wasser treibt unvorstellbar.“

So also betrete ich nach meinem Frühstücksmüsli mit Kaffee und Wasser zum Einkaufen meinen Supermarkt und stürze sofort ins Kundenklo. Manchmal ist es so knapp, dass ich mich heimlich auf der Rückseite des Gebäudes in ein Gebüsch entleere. (Männer!) Die Stelle kennt mich schon. Fahre ich mal morgens von meinem Dorf nach Hamburg, halte ich auf den 180 Kilometern mindestens drei Mal an und schaffe es oft in letzter Sekunde in das Autobahnklo. Damit ich immer auf der sicheren Seite bin, hat mir ein Freund ein mobiles Urinal für die Autofahrt geschenkt. „In Tokio bei den vielen Staus führen das alle Autofahrer mit sich“, meinte er, dabei war der noch nie in Tokio. Das Teil sieht aus wie eine breite WC-Ente, gibt es auch mit Aufsatz für Frauen. Eine sehr praktische Erfindung und funktioniert sogar. Sieht wohl in aktiver Nutzung ziemlich erbärmlich aus, aber eine vollgepisste Hose ist ungleich erbärmlicher. Letzte Woche war ich mit meinem Auto in der Werkstatt, als ich es nach Stunden wieder abholte, lag mein geliebtes Urinal demonstrativ auf dem Beifahrersitz. Der fürsorgliche Mechatroniker muss es wohl unter meinem Fahrersitz gefunden haben. Ich glaube, ich hatte einen knallroten Kopf.

Kuckst du?

Der Durchbruch war zu erwarten: Die Hersteller von Sehhilfen, im Komplott mit den Optikern, haben mit einem cleveren Marketing dass Brillen-Design als stilvolles Mittel zur Verschönerung eines Gesichtes und zur Steigerung ihres Umsatzes gepusht. Während Menschen mit Sehschwäche früher lieber Kontaktlinsen trugen, da sie Brillen als Offenbarung einer körperlichen Behinderung hässlich empfanden, tragen heute manche Leute eine Brille, obwohl sie perfekt sehen können – einfach weil sie finden, dass so ein Teil im Gesicht etwas Tolles mit ihnen macht. Es macht sie interessanter, klüger, reifer, zumindest konzentrierter.

Ein alter Studienkollege von mir, später in der deutschen Musikszene eine Größe, gestand mir vor Jahren, dass seine Brille damals nur Fensterglas hatte, weil er damit einen intellektuelleren Eindruck schinden wollte. Er nannte sie scherzhaft seine „Intelligenzprothese“. In meiner Jugend waren Kumpels mit Brillen besonders beliebt, weil sie in einer Rauferei wunderbar benachteiligt waren, man riss ihnen einfach die Brille von der Nase und sie trafen dich nicht mehr.

Ich jedenfalls traf gestern im Supermarkt Lara mit einer neuen, schwarzen Brille, mit der sie aussah wie Buddy Holly. Passte irgendwie gar nicht. „Warst du bei der Anprobe eigentlich bei Bewusstsein?“, wollte ich sie fragen, entschied mich aber dagegen, nachdem ich spürte, wie stolz sie auf diesen modischen Klumpen war und wahrscheinlich beim Optiker Dutzende Brillen anprobiert und diskutiert hatte, bis ihr Typberater und alle weiteren Anwesenden endlich den erlösenden Satz gestöhnt hatten: „Boah! Diiiie steht dir aber gut!“

Während wir uns unterhielten, starrte ich also in ihre von dicken, schwarzen Kreisen umrahmten Augen und konnte mich einfach nicht konzentrieren. Aber Lara ist in guter Gesellschaft, denn seit längerem schon beobachte ich Promis oder Politiker, die mit extravaganten, teils überproportionalen Augengläsern ihrer öffentlichen Wirkung eine vitale, modische Attitüde verleihen wollen. Einige sehen damit wie Uhus, andere eher wie Horst Schlemmer, ganz wenige dadurch besser aus. Dem überwiegenden Teil, so empfinde ich immer, ist keine ehrliche Beratung zuteil geworden. Beim Abschied drehte sich Lara noch mal um und rief: „Ach, wie findest du übrigens meine neue Brille?“ „Euch auch“, antwortete ich und stieg rasch in mein Auto.