Glücksspiel

Ja, ich spiele. Nicht permanent, aber immer mal wieder, am liebsten Eurolotto. Umso voller der Jackpot ist, desto mehr setze ich ein. Und dann male ich mir aus, was ich alles mit dem vielen Geld machen würde, dabei stoße ich in meinem tiefsten Inneren auf einen großartigen Charakterzug, der sich erfreulich von meinen normalen, konfusen Wesenszügen unterscheidet: Ich stelle mir vor, wie ich die Millionen unter all meinen sich geplagten und geschundenen Freunden verteile. Mit dem Füllhorn in der Hand besuche ich sie und schon auf dem Weg dahin bekommt jeder Straßenmusiker oder Bettler eine volle Hand in seinen Hut geworfen. Auch Hagenbeck und Jens Spahn, die Bill Gates Stiftung und die verarmten Hohenzollern sollen nicht leer ausgehen. Ich verausgabe mich lustvoll. Ganz am Ende dann denke ich auch mal an mich, stoße die große Glastür einer Porsche-Verkaufsfiliale auf und setze mich in die teuerste Karre, die dort zum Verkauf steht. Diese Schweinerei gönne ich mir. (Sorry, Greta.)

Auch dem Verkäufer stopfe ich ein Bündel Geldscheine unters Hemd. Ich bin nicht mehr zu stoppen. Leben, jetzt. Corona hat uns gelehrt, wie bedroht es sein kann. So weit, so gut – immer vorausgesetzt, man tippt die richtigen Zahlen. Hört sich einfach an, ist es aber nicht. Bei der Wahl seiner Zahlen darf man nicht verkrampft sein, muss das richtige Verhältnis zwischen Bauch und Kopf finden. Persönliche Geheimzahlen oder Geburtstage der Lieben haben sich als Nieten entpuppt, auch Hausnummern, Steuersätze oder die eigene Genitallänge funktionieren nicht. Am besten, man kreuzt seinen Tippschein völlig gedankenlos an, frei von Wünschen und Träumen. desgleichen vor der Verkündung der Zahlen, niemals daran denken, dass man den Jackpot abräumen könnte – niemals! Genau diese Gedanken sind bekanntlich die verbindlichste Garantie für eine abgrundtiefe Enttäuschung.

Aber vor zwei Jahren bin ich mal in den Urlaub gefahren und hatte in der Aufregung völlig meinen aktiven Eurolottoschein vergessen, also weder an ihn, noch an ein Losglück gedacht. Null! Plötzlich erhielt ich am Strand einen Anruf meines Freundes, der in meiner Wohnung die Yukapalme goss und auf dem Tisch den Spielschein fand. Fürsorglich brachte er ihn zur Überprüfung in die Lottoannahmestelle. „Sitzt du?“, rief er aufgeregt in den Hörer, „Du hast fünf Richtige!“ Fünf von sieben Zahlen! Ich fiel fast in Ohnmacht. Ich? Fünf Richtige? Siehste, siehste, dachte ich, nur so funktioniert es. Bevor ich im Geiste anfangen konnte die Millionen zu verteilen, holte mein Freund mich auf den Boden: „Du bekommst 380.- Euro. Leider ist eine Zahl an der falschen Stelle, sonst hättest du 12.000,- Euro gewonnen.“ Pech im Glück, so ein Mist. Aber ich habe daraus gelernt, habe die parapsychologischen Gesetzmäßigkeiten verstanden. Seitdem denke ich vor der Abgleichung meiner Lottozahlen an alles, nur nicht an einen Gewinn, z.B. Sex in der Achterbahn, an die Erderwärmung, an ein Rezept für Königsberger Klopse oder mein erstes Fahrrad. Das ist leichter gesagt als getan, irgendwann in diesem Psychospiel schleicht sich heimlich aus einem raffinierten Versteck dann doch der Funke eines Gedankens hinein: Stell dir vor, du schnappst dir den Pott? Und bums – schon sind alle Chancen wie weggefegt. Nichts geht mehr. Ein qualvolles Spiel. Heute bin ich mit AC/DC auf den Kopfhörern und Karaoke singend in meine Lottoannahmestelle marschiert, um meinen Schein überprüfen zu lassen. Morgen soll ich auf Kaution freikommen.