Luftnummer

Autor: Butschkow am 25.10.2019


Luftnummer

Endlich sehen wir uns mal wieder. „Super, dass du uns besuchen kommst“, hatte Bernie am Telefon gejubelt. „Ich will euch keine Umstände machen, such mir irgendwo eine Unterkunft, kein Problem.“ Er war richtig beleidigt: „Na, so weit kommt´s noch! Du schläfst bei uns, basta!“ Dieses ausufernde Maß von Gastlichkeit war mir bei ihm bislang eigentlich fremd, aber vielleicht bewirkte seine neue Freundin Tanja bei ihm diese Wesensveränderung. Gestern dann stand ich vor ihrer Tür. Was für ein Jubel. Wir aßen, tranken und redeten über Gott und die Welt. Irgendwann nach Mitternacht wurde ich müde. „Herrlich, du schläfst in meinem Büro. Tolle Sache, wart ab“, sagte und verschwand im Nebenzimmer. Einen Moment später kam er mit einem schweren Paket zurück, das sich als eine große, zusammengefaltete Luftmatratze entpuppte. Er breitet sie in seinem Büro aus, steckte einen Stecker in die Dose, stellte sich mit Tanja daneben und strahlte. „Was...?“, fragte ich, aber er sagte nur: „Wart ab.“ Also starrte ich auf die schlaffe Matratze. „Hörst du?“, fragte er. „Es brummt irgendwo“, antwortete ich. „Und siehst du?“ „Die Matratze bewegt sich“, antwortete ich. Er strahlte. „Sie bläst sich über Strom selber auf!“, brüllte er und Tanja bestätigte jauchzend: „Von selber!“ „Irre“, sagte ich und glotzte auf den schlaffen Lappen wie auf einen frisch Verunfallten. So standen wir ca. 15 Minuten und beobachteten das sich windende und beulende Material. Es sah irgendwie zombiemäßig aus. „Probier jetzt mal“, sagte er. Ich legte mich drauf. „Spürst du noch den Boden?“, fragte Bernie. „Wenn noch ein bisschen mehr ginge?“, bemerkte ich verschämt. „Aber ja, kein Thema, wir haben Zeit“, meinte Bernie und wir beobachteten weiter die Metamorphose auf dem Fußboden. Nach weiteren 10 Minuten machte ich einen neuen Test. „Gut so, gut so“, sagte ich, meine Müdigkeit hatte mir nämlich „Egal“ ins Ohr geflüstert. „Gute Nacht!“, jubelten Bernie und Tanja und legten sich in ihre nacken – und rückenfreundlichen Luxusmatratzen. In der Nacht spürte ich den Wunsch, auf meiner wabbeligen, heimlich wieder ausatmenden Luftmatratze, in ihr Bett zu krauchen. Am Morgen hatte ich das Laminat im Rücken und steife Gelenke. „Gut geschlafen?“, fragten mich die beiden erwartungsvoll. „Ein wenig hart“, antwortete ich unverhohlen. Von der harten Prüfung für unser Verhältnis wollte ich lieber nicht reden, mit einem guten Freund macht man einfach keine Menschenversuche.

Shame on me

Autor: Butschkow am 18.10.2019


Shame on me

Ich schäme mich ständig. Bei jeder Tomate sehe ich die geknechteten Plantagenarbeiter vor mir, bei jeder Kiwi die lange Reise, bei jeder Wurst die gefolterten Schweine, bei jedem Ei die gequälten Hühner, bei jeder Milch die überzüchteten Kühe, bei jedem Brötchen das genmanipulierte Korn und bei jedem Fisch die Antibiotika. Bei jedem Kleidungsstück die kasernierten Näherinnen und bei jedem Kaffee die gebeugten Pflücker. Bei meinem Auto schäme ich mich für den Schadstoffausstoß, beim Mallorca-Flug, dass er so billig ist. Beim Kauf vom Holzbrettchen schäme ich mich für die siechen Wälder und beim Joghurt für den Plastikbecher. Unter der Dusche schäme ich mich für meinen Wasserverbrauch und im Garten für die Chemie. Im Zoo schäme ich mich für die gefangenen Tiere und beim Honig für die kranken Bienen. In der Kirche schäme ich mich für die missbrauchten Ministranten, als alter Berliner für den Berliner Flughafen. Im Fernsehen schäme ich mich für jeden ertrunkenen Flüchtling und für die Rechten. Im Internet schäme ich mich für den Hass und bei den Amis für Donald Trump. Bei einer hübschen Frau schäme ich mich für meine Phantasien und vor jungen Leuten für den Klimawandel. Am Samstag schäme ich mich, dass ich Lotto spiele und am Sonntag, dass ich verloren habe. Und ihr seid frei von Scham? Schämt euch.

BUTSCHKOW – eine zeichnerische Biografie

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Butschkow-Cartoons von 1962 – 2019. Inkl. einer kurzweiligen Schilderung meiner Karriere vom ersten Strich bis zum aktuellen Punkt. In limitierter Auflage gedruckt, für alle Fans und Freunde, die viel Spaß daran haben werden. Wie ich.
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Interview mit Kreuzfahrtautorin Brina Steins

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Überleben auf Kreuzfahrt ist nur einer der Buchtitel des Cartoonisten Peter Butschkow. Ich habe ihn bzw. seine Werke auf der Frankfurter Buchmesse 2019 eigentlich durch Zufall entdeckt, als ich die Cartoonisten-Wand vor der Halle 3 entdeckt hatte.
So nahm ich nach der Messe Kontakt zu ihm auf und fragte das Interview an, was Ihr im heutigen Blogbeitrag lesen könnt.

Lesen Sie hier das Interview...