Oma ist angepisst

Autor: Butschkow am 06.01.2020


Greta

Der Mensch trägt gerne neue Kleidung, volle Bierkästen, Make-Up oder sein Geld auf die Börse, was er aber überhaupt nicht tragen kann, sind Schuldgefühle. Schon unsere Eltern haben auf unsere neugierigen Fragen, ob sie nicht gemerkt haben, dass immer mehr Juden aus ihrem unmittelbaren Lebensumfeld plötzlich für immer verschwanden, entweder abweisend oder barsch reagiert. Hat man sich damit nicht abspeisen lassen, kam gerne: „Du leiste erst mal was!“ Was das mit der Frage zu tun hatte, hat sich mir nie erschlossen, sehr wohl aber, dass ich da einen Schmerzpunkt getroffen hatte. Und nun kommt da heute eine 17-jährige Pipi Langzopf aus Schweden daher und pinkelt an unser Gewissen - und ein Kinderchor des WDR verhöhnt in einem Lied die ehrenwerte Großmutter: „Oma fährt im Hühnerstall Motorrad...Oma is ne alte Umweltsau.“ Ein Sturm der Entrüstung fegte durchs Land. Autoren und Intendanz des WDR unterwarfen sich ihr devot in erbärmlicher Reue. Letzte Woche bekam ich eine WhatsApp weitergeleitet, in der eine dieser Omas den „Rotzlöffeln, die sich mit dem SUV zur Schule kutschieren lassen“ die Ohren lang zieht. „Diese dämlichen Gören wollen mir etwas über Umweltschutz erzählen, werfen ihre Kleidung nach zwei Mal tragen weg, produzieren Müll ohne Ende...und müssen immer neue Geräte besitzen!“ Applaus bekommt sie von einer anderen Oma die schreibt: „Wir waren fünf Geschwister, hatten nur eine Zahnbürste und putzten uns unsere Zähne mit ATA.“ Wenn dahinter nicht eine reale, bittere Armut stünde, wäre das urkomisch. Oma meinte noch, sie hätten die Wäsche mit der Hand gewaschen und seien über Kilometer zu Fuß bei Wind und Wetter zur Schule gelaufen. Nun kann allerdings die heutige Generation nichts dafür, dass sie über mehr als eine Zahnbürste verfügt und inzwischen die Waschmaschine und der Schulbus erfunden wurde. Es steht ihr zu, uns darauf hinzuweisen, dass wir Jahrzehnte lang unbekümmert im fetten Wohlstand die Umweltsau rausgelassen haben und Politiker wählten, die lieber auf Wählerstimmen - also auf freie Fahrt dem Zuwachs - als auf Weitsicht setzten. Ein Heuchler, der nicht zugibt, dass er die Errungenschaften unserer Wohlstandsgesellschaft nicht auch genossen hat. Wir haben die Verkehrs-, Energie - und Umweltpolitik verkackt, haben dem Götzen Auto, dem Überfluss und dem geilen Geiz gehuldigt, auf Kosten versklavter Arbeiter/innen in den Lohnbilligländern unsere Konsumgüter für´n Appel und Ei gekauft und eventuelle Bedenken wie unser Plastik im Irgendwo entsorgt. Und bitte nicht vergessen, die Digitalisierung haben schließlich WIR erfunden und unseren Kids unter den Lebensbaum gelegt. Und Zuckerberg und Konsorten füttern sie nun mit immer neuen digitalen Verheißungen und saugen den Glückstrunkenen dabei wie ein Vampir die Daten aus ihrem Leben. Wir sollten unsere rebellische Jugend nicht beschimpfen, sondern Mitleid mit ihnen haben. Eines fernen Tages nämlich müssen sie wiederum vor ihren Kindern für diesen ganzen Scheiß grade stehen. Die singen dann: „Unsre Oma war ne alte Influencer-Schlampe!“


Schlagworte: butschkow, humor, blog, Oma

Alles sieht so westlich aus

Autor: Butschkow am 19.12.2019


Weihnachten

Das Weihnachtsfest meiner Kindheit spüre ich bis heute. Der strahlende Baum, der Duft der bunten Teller, der Zauber der aufgestapelten Geschenke - und die Erwartungshaltung meiner festlich gekleideten Familie, dass ich mein Gedicht aufsage. Liebend gern hätte ich darauf verzichtet, aber es war wohl ein alter Brauch, den sie liebten. Dabei hatte ich bis Minuten vor der Bescherung noch damit zu tun, meine von mir laubgesägten, bemalten Schlüsselbretter fertigzustellen und die feuchten Werke in Geschenkpapier zu verpacken. Und dann stand ich nun da, dünnbeinig in kurzen Hosen und mit roten Ohren vor dem Weihnachtsbaum vor einer Front gerührter Familienmitgliedern und begann mit zitternder Stimme: „Markt und Straßen stehn verlassen, still erleuchtet jedes Haus, singend geh ich durch die Gassen...“ Mein Mutter soufflierte leise „Sinnend, sinnend“, ich war aber viel zu aufgeregt, um auf sie zu hören, außerdem wollte ich diese lästige Vorführung dringend zu Ende bringen, also fuhr ich fort: „Alles sieht so westlich aus...“ Meine Mutter raunte: „Festlich, festlich.“ Am liebsten hätte ich zu ihr „Wenn du alles besser weißt, dann sag doch dein Gedicht selber auf“ gesagt, aber meine strenge Erziehung untersagte mir das. Also machte ich weiter: „An den Fenstern haben Frauen...“ Und dann hörte ich auf. Ich wusste den Text nicht mehr. Betäubt von den Düften und der ganzen Aufregung – womöglich auch von den ganzen Unterbrechungen - war in meinem Köpfchen nur noch Leere. Meine Mutter wiederholte leise „An den Fenster haben Frauen...hm?...haben Frauen buntes, was? Hm? Was haben die Frauen...hm? Spielzeug... haben Frauen buntes...na?“ Bei mir ging nichts mehr. Ich stotterte „B-b-bunte Frauen...äh, Frauen haben...“ „Nein, an den Fenstern haben Frauen...hm?“, meine Mutter schwitzte. „An den, an den Fenstern putzen Frauen...“, ich war völlig durch den Wind. Schlussendlich erbarmte man sich an diesem Heiligen Abend in Liebe und Güte meiner und gab mir den Weg zu den Geschenken frei. Bis ich groß war wiederholte sich dieser Auftritt alle Jahre verbindlich wieder und ich schwöre, ich bin immer an der selben Stelle hängengeblieben. Niemals hat meine Familie von mir dieses Gedicht im Leben jemals komplett gehört, fast alle sind also mit dem unerfüllten Wunsch nach dichterischer Vollendung verstorben. Mein Vater sagte damals noch: „Also Schauspieler wird er nicht.“ Womit er richtig lag.

BUTSCHKOW – eine zeichnerische Biografie

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Interview mit Kreuzfahrtautorin Brina Steins

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Überleben auf Kreuzfahrt ist nur einer der Buchtitel des Cartoonisten Peter Butschkow. Ich habe ihn bzw. seine Werke auf der Frankfurter Buchmesse 2019 eigentlich durch Zufall entdeckt, als ich die Cartoonisten-Wand vor der Halle 3 entdeckt hatte.
So nahm ich nach der Messe Kontakt zu ihm auf und fragte das Interview an, was Ihr im heutigen Blogbeitrag lesen könnt.

Lesen Sie hier das Interview...